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Juni 15, 2020 9:00 am

8 Monate Elternzeit: Ein Papa berichtet

Mittlerweile können auch die Papas bei uns in vielen Berufen Elternzeit nehmen, was für die ganze Familie eine unglaubliche Bereicherung ist.  Wir haben mit Bastian über seine Erfahrungen in der Elternzeit gesprochen. Für ihn war von vornherein klar, dass er in Elternzeit gehen möchte und Ursprünglich wollten er und seine Frau sich die Zeit 50:50 teilen. Am Ende machte er zwei Monate mehr als seine Frau und blieb so acht Monate mit seiner kleinen Tochter Zuhause:

Wie kam es dazu, dass Du Elternzeit genommen hast? War es für euch beide von Anfang an eine klare Sache, dass du Elternzeit nehmen wirst?

Das war für uns beide schon immer klar, ohne dass wir jemals drüber geredet hatten. Als das mit dem Kinderbekommen dann konkreter wurde, waren wir uns daher auch schnell einig, dass wir beide gerne Elternzeit nehmen und dies möglichst fair aufteilen wollen.

Wie hast du dich auf deine Elternzeit vorbereitet? Hast du vorher Bücher gewälzt und Erfahrungsberichte gelesen oder bist du einfach ins kalte Wasser gesprungen und hast alles on-the-go gelernt?

Ich war bereits während der Schwangerschaft (oder zu mindestens zu Beginn) derjenige, der sich deutlich mehr zum Thema Baby informiert hat. Ich habe auch relativ früh damit begonnen, Kinderwagen usw. rauszusuchen. Aber die Leidenschaft für solche „Recherchen“ liegen, unabhängig vom Thema Kind, grundsätzlich eher bei mir – worüber meine Frau auch recht froh ist. Auch die Idee, Stoffwindeln zu verwenden kam von mir.

Auf die Elternzeit selbst habe ich mich aber nicht direkt vorbereitet. Da hat es gereicht, dass ich von der Geburt an schon stark eingebunden war – die ganzen Basics im Umgang mit einem Baby waren mir also schon vertraut 😊

War es beruflich schwierig Elternzeit zu bekommen? Wie hat dein Arbeitgeber auf deine Anfrage reagiert?

Nein, an sich überhaupt nicht. Ich habe das auch relativ früh kommuniziert, also schon vor der Geburt. Mir war an sich auch klar, dass mein Arbeitgeber damit kein Problem haben wird. Mein Grundsatz war damals allerdings bereits: Wenn mein Arbeitgeber damit nicht klarkommt oder mir Steine in den Weg legt, ist es nicht der Arbeitgeber, bei dem ich bleiben wollen würde.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert, dass du so lange in Elternzeit gegangen bist?

Ich habe durchgängig positive Reaktionen im Freundeskreis erhalten. Sehr oft habe ich gehört: „Oh, ich mag auch definitiv länger gehen, wenn es dann mal so weit ist.“ Allerdings habe ich das Gefühl, dass die meisten es dann doch nicht machen, wenn es ernst wird. Oft lässt es sich dann wohl leider doch nicht so einfach umsetzen, wie man gern wollen würde, oder der Wille ist eben doch nicht groß genug.

Gab es Situationen, in denen du behandelt wurdest, als wäre es was besonders Tolles oder absolut Absurdes, dass du in Elternzeit bist?

In den überwiegenden Teilen hat sich normal angefühlt. Ich fand es immer etwas befremdlich, wenn es Zuspruch gab im Sinne von „Wow, ich finde das klasse, wenn auch mal ein Mann länger Elternzeit nimmt als 1-2 Monate“. Diese Aussagen haben mir gezeigt, dass wir noch lange nicht da sind, wo wir im Sinne einer Gleichberechtigung sein sollten.

Bei den Babykursen war ich meistens der einzige Mann, die meisten Mütter fanden das super, aber ich hatte auch das Gefühl, dass es der ein oder anderen nicht passt, dass ein Mann dabei ist. Aber da muss man(n) durch 😊

Ein seltsames Erlebnis hatte ich allerdings in der Tat: Als ich bei einem Behördengang im Warteraum stand und die Kleine anfangs etwas geweint hatte, meinte eine ältere Frau zu ihrem Mann daneben relativ laut (also so, dass ich es hören konnte): „Da fehlt halt die Mama“. Das fand ich etwas befremdlich. Ab und an wurde ich in der Öffentlichkeit angesprochen mit Sätzen wie „Achtung, das Kind bekommt Sonne ab. Sie müssen das Verdeck vom Kinderwagen schließen“ oder „Das Kind hat doch viel zu wenig an“. Ich glaube, manche trauen es einem Mann dann eben doch nicht ganz zu. Dabei weiß ich doch besser als jeder Außenstehende, was gut für meine Tochter ist 😊

Wie hast Du für Dich die Elternzeit erlebt? War die Umstellung am Anfang schwierig?

Nein, eher umgekehrt. Ich hatte die Wochen vor der Elternzeit noch viel zu erledigen in der Arbeit, wie das eben so ist, wenn man noch versucht, „alles“ fertig zu machen und hatte mich schon sehr auf die Elternzeit gefreut.
Wir haben allerdings auch ein sehr entspanntes Baby gehabt, welches viel und lange geschlafen hat und eigentlich immer gut drauf war.
Natürlich hab es auch anstrengendere Nächte, aber genau die haben mir wieder gezeigt, wie viel es wert ist, wenn man seinen Schlaf bekommt. Aus den Gesprächen mit anderen habe ich immer mitgenommen, um wieviel anstrengender es wird, wenn der Schlaf fehlt. Dahingehend waren wir also verwöhnt.

Hat die Elternzeit die Beziehung zu Eurem Kind für Dich intensiviert?

Auf jeden Fall!! Und das merkt man bis heute. Man merkt, dass unsere Tochter sowohl zu meiner Frau als auch zu mir ein ähnlich gutes Verhältnis hat und uns beiden stark vertraut. Gerade als Baby war das unheimlich viel wert. Das hat meiner Frau auch ermöglicht, mal Abends oder für ein paar Tage unterwegs zu sein, weil wir beide wussten, dass unsere Tochter sich auch bei mir geborgen fühlt und ich das organisatorisch hinbekomme.

Hat sich durch Deine Elternzeit Eure Beziehung als Eltern zueinander verändert?

Ich würde sagen, dass sie nochmals positiv verändert hat.  Wir hatten allerdings vorher in vielen Dingen schon eine gleichberechtigte Partnerschaft, in dem wir versucht haben, alle Aufgaben fair aufzuteilen. So wie eben auch in der Elternzeit. Das Vertrauen in den Partner ist meiner Wahrnehmung nach noch mal gestiegen.

Würdest Du die Elternzeit anderen Vätern ans Herz legen und warum?

Absolut. Wann immer es möglich ist: Macht es!! Ihr bekommt soviel zurück und die längerfristige Bindung zum Kind wird auf ein ganz anderes Level gebracht.

Wie bekommst Du nach der Elternzeit Kind, Familie und Beruf unter einen Hut? 

Das hat recht gut funktioniert, da sich der KITA-Start mit meinem Wiedereinstieg ins Berufsleben überschnitten hat. Wir sind beide in Vollzeit beschäftigt, das funktioniert natürlich nur aufgrund der relativen langen Betreuungszeit (8 Stunden / Tag) in der KITA. Was dabei hilft: Wir haben beide ziemlich flexible Arbeitgeber und können auch oft Homeoffice machen. Während der Corona-Pandemie war es jetzt natürlich deutlich anstrengender, aber auch da hat die Flexibilität unserer Arbeitgeber sehr geholfen.

Wie war es zurück in die Arbeit zu kommen? Hattest du das Gefühl, dass du dort weitermachen konntest, wo du vor der Elternzeit warst? 

Nein, ich wurde auch einem anderen Projekt zugeteilt. Dies war aber nur von kurzer Dauer, da ich bereits 2 Monate später den Arbeitgeber gewechselt habe. Dies war allerdings eine Entscheidung, die ich bereits vor der Elternzeit getroffen hatte.

Was machst Du um möglichst viel Zeit mit Eurem Nachwuchs zu verbringen und so die Vater-Kind-Beziehung weiter zu stärken?

Ich versuche natürlich, viel Zeit mit ihr zu verbringen, sowohl nach der Arbeit als auch am Wochenende. Das war während Corona in der Tat auch das einzig Positive: Wir hatten deutlich mehr Zeit mit unserer Tochter. Das hat sie schon auch genossen, auch wenn sie inzwischen wieder froh ist, wenn sie mal wieder jemanden anderen sieht als Mama und Papa.

Ihr erwartet gerade euer zweites Kind. Sehen eure Pläne wieder ähnlich aus oder passt ihr eure Elternzeitpläne an?

Wir passen die Elternzeitpläne an: Diesmal werden wir 50/50 machen 😊

Vielen lieben Dank, lieber Bastian, dass du deine Erfahrungen mit uns geteilt hast! Wir wünschen euch alles erdenklich Gute für die Geburt eures zweiten Kindes!

Beitragsfoto: Von Mikael Stenberg, Foto von Jelleke Vanooteghem on Unsplash

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