Über das Verurteilen anderer Eltern

(und warum nur wir selbst sagen können, wie unser Eltern-Alltag ist)

Es sind die Vorzeigemomente des Lebens, die wir auf Instagram sehen. Keine grauenhaft durchwachte Nacht, weil die Tochter Grippe und Fieber hatte. Nicht der böse und im Nachhinein völlig belanglose Streit, den es neulich mit dem guten Freund gab. Nicht die Erschöpfung, Müdigkeit und der Stress, aus denen ein Familienleben immer auch zu einem gewissen Grad besteht. Warum ist das so?

Was Instagram mit der Wahrnehmung von Familien macht?

Auf unseren Bildern ist davon nicht so viel zu sehen, weil wir eher die Muße haben, ein Foto von uns aufzunehmen, wenn wir gemütlich im Café sitzen, als in dem Moment, in dem unser Haus durchs Hopsen wackelt oder das Kind sich verletzt hat. Wir versuchen diese Ästhetisierung unseres Alltags durch unsere Texte auszugleichen, in denen wir so ehrlich wie möglich über unser Leben berichten. Über das, was uns schwerfällt, und über die Situationen, in denen wir uns besonders herausgefordert fühlen. Wer uns auf unserem Blog, Instagram, Facebook oder Twitter begegnet, sieht immer nur Ausschnitte aus unserer Welt. Instagram ist ein Fenster in die jeweiligen Leben der anderen, aber ein aufpoliertes. Selbst wenn sich Menschen uns ganz nahe fühlen, bleibt es bei einer Annäherung. In der echten Welt ist es sicherlich nicht anders, aber die Leute können uns zufällig auch mal beim Nasebohren kennenlernen. Hochladen werden wir ein derartiges Bild aber eher nicht.

Was stellen die sich so an?

Es ist leicht, an dieser Stelle zu sagen: Die arbeiten ja gar nicht richtig. Immer im Café sitzen kann ich auch. Die haben es doch gar nicht schwer. Was stellen die sich so an?

Ich habe mich selbst schon dabei ertappt, wie ich heimlich die Augen über Mamas verdrehte, die mit hängenden Schultern von ihrem herausfordernden High-Needs-Kind sprachen, während es selig auf ihrem Schoß schlummerte. Frei nach dem Motto: „Du hast ja gar keine Ahnung.“ Dabei war ich es, der keine Ahnung hatte – und habe – wie anstrengend sich der Alltag für die jeweiligen Mamas und Papas anfühlt. Belastung ist immer ein subjektiver Zustand. Während manche Menschen scheinbar im Alleingang die Welt in Ordnung bringen, haben andere schon mit der Organisation ihres Abwasches zu kämpfen (Beispiele ohne jeden persönlichen Bezug).

Fragt nach, wie es jemandem geht

Das Einzige, was in diesem Zusammenhang hilfreich ist, ist folgende Erkenntnis: Wenn wir darüber sprechen, wie wir uns fühlen, ist das ernst zu nehmen. Sofern sich ein Elternteil beklagt, wird in seinem Leben eine Situation vorliegen, die ihn oder sie belastet und die deshalb gehört werden sollte. Hinter die einzelnen Bilder eines fremden Lebens können wir nur dann blicken, wenn unser Gegenüber uns diese Bilder aufschließt. Schwere Krankheiten, persönliche Herausforderungen oder schlicht und ergreifend emotionale Überforderung sind nichts, was ich den Leuten von den Lippen lesen kann. Aber ich kann sie fragen. Wer wissen möchte, wie es anderen Eltern geht, muss sich auf die einzig belastbare Quelle verlassen: Sie selbst. Das gilt übrigens nicht nur für Mamas und Papas, sondern für jeden von uns.

Olaf Bernstein

Blog: http://backpackbaby.de/

Instagram: https://www.instagram.com/backpack_baby/

Twitter: https://twitter.com/Backpack_Baby/

Beitragsfoto von Olaf Bernstein

 

********

Diesen und weitere interessante Artikel findest du in der Barrio App. Hast Du schon? Super! Ansonsten: Hole dir dort Inspiration für Freizeitaktivitäten, verabrede dich in der App mit Eltern in deiner Nähe zu Playdates. Und finde dort außerdem Gutscheine und andere Vergünstigungen. Jetzt App installieren: bit.ly/barrio-app

Unseren Newsletter bekommst Du hier