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Juni 12, 2019 9:06 am

Betroffenen-Interview: Fehlgeburt

Wir möchten das Tabu brechen und offen über Fehlgeburten sprechen, betroffene Frauen zu Wort kommen lassen, um zu verstehen, wie es ihnen ergangen ist und zu lernen wie Frauen sich Hilfe und Unterstützung wünschen würden.

Selbstverständlich haben wir in allen Interview die Namen geändert.

Ich bin A. , 34 Jahre alt, und lebe mit meiner Familie in München. Inzwischen bin ich Mama von zwei wunderbaren Kindern, einem Jungen (2,5 Jahre) und einem Mädchen (14 Wochen).
Insgesamt war ich bisher dreimal schwanger – von Herzen geplant – doch leider hielt die erste Schwangerschaft nur kurz an.

BARRIO: Du hattest eine Fehlgeburt, wie lange liegt das zurück?
Interview-Partnerin: Das liegt inzwischen knapp dreieinhalb Jahre zurück. Ich wurde damals sehr schnell nach unserer Hochzeit schwanger und wir haben uns natürlich wahnsinnig gefreut, dass es so schnell geklappt hat.

BARRIO: In welcher Woche war die Fehlgeburt? Und wie kam es dazu?
Interview-Partnerin:Trotz großer Freude hatte ich von Beginn der Schwangerschaft an komischerweise die ganze Zeit über ein mulmiges Gefühl und auch einen ständigen Druck im Unterleib. Um die 9. Woche herum bekam ich dann Blutungen und habe sofort meinen Arzt aufgesucht. Dieser sagte mir dann auch gleich offen und ehrlich, dass die Schwangerschaft nicht mehr intakt sei und ich von einer frühen Fehlgeburt ausgehen müsste.

BARRIO:  Wie seid Ihr als Paar mit der Fehlgeburt umgegangen?
Interview-Partnerin: Wir waren natürlich sehr traurig. Ich habe viel geweint und mich eine Woche krank schreiben lassen. Mein Mann hat sich rührend um mich gekümmert und – obwohl es ihn genauso geschmerzt hat, wie mich – aufgefangen. Wir haben viel und offen miteinander über das Geschehene geredet, auch mit unseren engsten Freunden und Familienmitgliedern. Das mein Arzt meinte, wir müssten mit der Familienplanung keine Pause einlegen, sondern könnten es im nächsten Zyklus gleich wieder probieren, gab uns natürlich große Hoffnung und machte uns Mut.

BARRIO: Hattest Du danach jemandem mit dem Du darüber sprechen konntest?
Interview-Partnerin: Ich habe es meiner Schwester und meinen engsten Freundinnen erzählt. Wir haben uns zu einem Mädelsabend getroffen und einfach darüber geredet. Das tat sehr gut. Ich war froh, dass ich es ihnen erzählen konnte, denn das offen darüber sprechen hat mir wahnsinnig geholfen, darüber hinwegzukommen.

BARRIO: Wie ging es Dir damals nach der Fehlgeburt und wie geht es Dir heute damit?
Interview-Partnerin: Anfangs habe ich mich natürlich schon gefragt, woran es gelegen haben könnte, obwohl ich wusste, dass in so einem frühen Stadium einfach noch so viel passieren kann und sich das Embryo einfach nicht richtig entwickelt hatte. So doof man den Spruch: „Es liegt nicht an dir, die Natur regelt das einfach von selbst!“ findet, so wahr ist er doch. Ich habe mich eine Woche krank schreiben lassen, um meinen Körper und mir selbst die Zeit zu geben, alles zu verarbeiten und zu heilen. Danach habe ich mich wieder auf meine Arbeit gefreut und einfach daran festgehalten, dass es bald wieder klappen könnte.So, wie ich damals von Anfang an ganz offen darüber sprechen konnte, so kann ich es auch heute. Ich finde es wichtig, über das Thema Fehlgeburt offen und ehrlich sprechen zu können. Es kommt so viel häufiger vor, als man denkt – und doch wird so wenig darüber gesprochen. Klar, viele Frauen wollen in dem frühen Stadium der Schwangerschaft noch nichts davon erzählen, eben aus Angst, dass etwas passieren könnte. Mir persönlich hat es aber gut getan, jede meiner Schwangerschaften schon früh zu verkünden. Denn die Leute, denen ich es erzählt habe, sind auch die Leute, die mich danach wieder aufgefangen und wieder aufgebaut haben.

BARRIO: Hattest Du danach noch eine weiter Schwangerschaft? Wie ging es Dir während der Schwangerschaft ?
Interview-Partnerin: Nach meiner Fehlgeburt wurde ich ziemlich schnell wieder schwanger. Wir haben uns natürlich irre gefreut, aber gleichzeitig hatte ich auch wahnsinnige Angst, dass es wieder schief gehen könnte. Als ich dann um die 8. Woche herum plötzlich wieder Blutungen bekam, brach für mich fast eine Welt zusammen. Ich habe alles stehen und liegen gelassen und bin zum Arzt gerannt. Diesmal war aber ein Hämatom für die Blutungen verantwortlich, dem Baby ging es gut. Ich bekam sehr schnell ein Beschäftigungsverbot, weil ich noch öfters Blutungen bekam und ich einfach die ganze Zeit über wahnsinnig angespannt war. Die ganze Schwangerschaft über hatte ich auch einen ziemlich harten Bauch, so dass ich viel liegen und ruhen musste. Und wenn man plötzlich so viel Zeit hat, dann macht man sich natürlich auch so seine Gedanken. Rückblickend kann ich sagen, dass ich die Schwangerschaft wenig genießen konnte und leider die Angst wirklich dominierte.

BARRIO: Wie bist Du mit den Ängsten umgegangen, die die damalige Fehlgeburt mit sich gebracht hat?
Interview-Partnerin: In der Folgeschwangerschaft hatte ich die ganze Zeit wahnsinnige Angst, das Baby wieder zu verlieren, gerade wegen den vielen Komplikationen. Richtig positiv denken konnte ich nicht. Ich habe die Schwangerschaft von Woche zu Woche „gelebt“, war über jede geschaffte Woche froh. Erst ab der 34. Schwangerschaftswoche konnte ich die Schwangerschaft langsam etwas genießen, denn da wusste ich, dass mein Kind eine gute Überlebenschance haben könnte, wenn es zu früh auf die Welt kommen sollte.
In meiner zweiten bzw. dritten Schwangerschaft war ich schon viel gelassener. Klar, eine gewisse Angst bleibt immer, aber ich hatte einfach nicht mehr so viel Zeit, jedes noch so kleine Zwicken und Zwacken zu hinterfragen und mir darüber Sorgen zu machen. Denn ich hatte bereits einen kleinen Wirbelwind, der mich ganz schön auf Trab hielt – und immer noch hält. Und auch körperlich ging es mir viel besser als in der vorherigen Schwangerschaft, so dass ich das Schwanger sein viel mehr genießen konnte.

Rückblickend kann ich wirklich sagen, dass mir die vielen offenen Gespräche, die ich mit meinen engsten Vertrauten über das Tabuthema Fehlgeburt geführt habe, über den Schmerz und die eigenen Zweifel hinweggeholfen haben. Und ich bin sehr froh, dass ich das „Tabu“ zu einem „Thema“ gemacht habe.

Wir danken A. für das offene und ehrliche Interview und wünschen ihr und ihrer Familie alles Liebe.

Mehr zum Thema findet Ihr hier

Wir freuen uns auf einen regen Austausch zum Thema „Fehlgeburt“, schreibt an die Redaktion 

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