Was erzieht? Elterliches Beziehen in herausfordernden Zeiten 

Es sind herausfordernde Zeiten. In vielen Familien steigt der Druck und der Stress. Vieles, was vor dieser Zeit im Verborgenen schlummerte, verdichtet sich und sucht sich ein Ventil. Für die einen bedeutet das eine Verbesserung ihrer Situation, eine Inventur zum Positiven. Manch andere aber sehen sich mit der schlechtesten Version ihrer Selbst konfrontiert und in nicht enden wollende Machtkämpfe verstrickt.  

Innere Konflikte

Das erwachsenen Selbst wächst allerdings durch innere Konflikte – und diese gilt es zu lösen wenn wir unseren Kindern die Erziehung angedeihen lassen wollen, die wir im Sinn haben. Was erzieht ist nämlich das WIE der Erwachsenen. Wie Eltern miteinander umgehen und wie sie Konflikte und Uneinigkeiten lösen. DAS erzieht. Das vergessen wir aber gerne in der Hitze des Gefechts und belassen somit dem Kampf im Außen, anstatt innezuhalten und uns zu fragen: „Was ist jetzt das Richtige zu tun?“ Und dann den inneren Dämonen, den Automatismus – oft der eigenen Erziehung geschuldet – niederzuringen. Anstatt den Partner.  Um zu verdeutlichen, wie sich das elterliche Miteinander auf die Kinder auswirkt, lassen wir hier ein Kind zu Wort kommen. Was es sagen würde, wenn es Worte hätte. 

Brief an die Eltern

Liebe Mama! Lieber Papa!

Ich habe beschlossen, alles, was in meinem Kopf ist, niederzuschreiben. Damit es dort nicht mehr kreisen kann. Damit ich nicht mehr wach liege, und grüble. In den letzten Tagen beschäftigt mich euer Miteinander sehr. Ich muss viel über euch nachdenken, darüber, wie ihr miteinander umgeht. Was ihr sagt und tut – und auch was unausgesprochen in der Luft hängt. Das ist so unangenehm und tut so weh! Ihr beide seid im Moment (und eigentlich auch schon längere Zeit) ein Bündel an Vorwürfen dem/der andern gegenüber. Eigentlich sagt ihr die ganze Zeit: Wenn der oder die andere nur was anders machen würde, anders wäre, sich ändern würde, dann wäre das Leben in Ordnung.  Ich schreibe jetzt nicht alle Vorwürfe auf, die ihr einander den ganzen lieben langen Tag macht. Darüber könnt ihr an dieser Stelle selbst nachdenken. 

Vielleicht treffe ich es nämlich inhaltlich nicht ganz auf den Punkt. Wenn ich schon groß wäre und ich Worte für das hätte, was ihr tut, dann würde mein erwachsenes Selbst vielleicht sagen, dass ihr euch von einander (emotional) abhängig gemacht habt – für euer Nichtglück dem andern die Schuld zuschiebt, anstatt für alle eure getroffenen Entscheidungen in und während eurer Beziehung Verantwortung zu übernehmen. Mein erwachsenes Selbst würde euch damit konfrontieren, dass ihr einander in dieser Schuldzuweisung massiv abwertet. Mit inneren Augenrollen. Das muss ein Ende haben, wenn ihr eine Beziehung haben wollt, in der Platz für zwei ganze Individuen ist. Das muss ein Ende haben, wenn ihr eine Familie haben wollt, in der Platz für uns alle ist. Für all unsere Einmaligkeit und Entwicklungsfähigkeit. 

Ich bin aber nur euer Kind und ich kann in euch lesen. Ich weiß, wie ihr über einander denkt. Ich sehe dein Augenrollen, Mama. Ich sehe deinen verachtenden Blick, Papa. Ichweiß, wie sehr ihr einander nervt und wir Kinder euch. Und ihr wisst es auch. Also: Hab ich recht? Was denkt ihr über einander? Was denkt ihr über uns?

Das ist nicht schön. Weil wir, eure Kinder, schauen euch dabei zu. Wenn ihr euch streitet, weil ihr uneins seid was die Erziehung betrifft, das ist dann der Moment in dem wir uns schuldig fühlen. Weil ihr unsretwegen streitet, euch nicht mögt. Schaut euch einmal aus unserer Perspektive zu und fühlt euch in uns ein, wie es immer kleiner und bedrückender wird innen drinnen in uns. Was sollen wir eurer Meinung nach mit diesem Druck, dieser Bedrückung tun? Wenn ich explodiere und wütend werde, dann gibt es den nächsten Streit. Wenn mein kleiner Bruder alles in sich hinein schluckt und Bauchweh hat, dann gibt es die nächste Herausforderung.

Euer Leben, so wie es heute, jetzt ist, ist eine Folge von Entscheidungen die du Papa und du Mama getroffen habt. Ihr seid erwachsen. Was willst du in deinem Leben ändern, Papa? Wie willst du dich verändern? Woran willst du arbeiten? Die gleichen Fragen und weitere stelle ich auch dir, Mama. Bist du mit dir zufrieden, wie du bist? Als Frau? Als unsere Mutter? Macht uns nicht dafür verantwortlich, dass es so ist, wie es ist. 

Ich mag mir auch keine Geschichten mehr anhören, in dem sich eine/r von euch – oft unter Tränen – über den anderen bei mir beschwert. Ich bin ein Kind. Euer beider Kind. Ich will nicht Partei ergreifen – ich will euch einfach nur lieben. Und das macht ihr mir im Moment wirklich schwer, weil ihr nicht gut für euch sorgt, nicht euer Bestes gebt.

So wie ihr es von uns verlangt gilt es auch für euch, euer Bestes zu geben und zu tun, was zu tun ist. Das ist es, was ich mir wünsche. Und das ist mit zwei Kindern oft schwierig. Aber wir reagieren auf euch! Auf das, was ihr miteinander erzeugt! Bitte nehmt einen Tag nach dem andern. Zusammen. Oder geht getrennte Wege, wenn ihr euch wirklich nicht mehr mögt. Wenn ihr was für uns tun wollt, dann bleibt nicht in dieser Vorwurfsatmosphäre „wegen uns“ zusammen, sondern überlegt euch, in welchem Klima wir gut gedeihen können und was du Mama, und du Papa, dazu beitragen müsst. Das ist eure Verantwortung. Das ist euer Job.

Mama, du hast Papa mal einen Satz aus einem eurer schlauen Beziehungsbücher* vorgelesen: „Die meisten Menschen heiraten, damit sie sich nicht mehr um sich selbst kümmern müssen.“ Liebe Eltern, bitte seid nicht wie die meisten Menschen. Seid besonders. 

Aus Liebe, euer Kind

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Eigenes Handeln überdenken

Gerade jetzt ist also die Zeit und die Gelegenheit, seine Automatismen zu überdenken und Handlungsalternativen zu finden. Abschließend und als Anregung möchte ich David Scharch´s Prinzip der Differenzierung und seine vier Punkte der Balance als Orientierung ans Herz legen: 

Differenzierung bedeutet laut David Schnarch (zusammengefasst mit freundlicher Unterstützung  von Mark Rackelmann):

Ein inneres Gleichgewicht der zwei fundamentalen menschlichen Antriebskräfte zu haben: Bindung und Autonomie. Je differenzierter du bist, umso besser gelingt es dir stabil und bei dir, in deinem Kreis, zu bleiben, während du in direkter körperlicher und/oder emotionaler Nähe zu Menschen bist, die wichtig für dich sind und die dich drängen, sich ihnen und ihrem Anderssein anzupassen. „Ein differenzierter Mensch kann diese Spannung aushalten und in Kontakt bleiben.“ 

Der Differenzierungsprozess wird laut Schnarch durch die vier Aspekte der Balance (TM) charakterisiert, die es immer weiter zu entwicklen gilt, an denen du sozusagen in deinen nahen Beziehungen „arbeiten kannst“:

1. Stabiles, flexibles Selbst

Dein Handeln folgt deiner Integrität, du bist damit in Kontakt, wie du jetzt sein willst und beständig bemüht, aus deinem Besten heraus zu handeln. Du kennst deinen Kreis, kannst deine Grenzen erkennen und wahrnehmen, auch für sie mit einem „Nein“ einstehen – und bist gleichzeitig bemüht, diese im Sinne deines Wachstums zu weiten. Du erwartest dir keine Bestätigung von deinem Gegenüber – dein Ja zu dir ist dir genug. 

2. Stiller Geist, ruhiges Herz

Du bist in der Lage, dein Be- und Empfinden zu erkennen und für deine Emotionen, dein Wohlbefinden Verantwortung zu übernehmen und dich selbst in stressigen Situationen zu beruhigen. Du bist emotional unabhängig.

3. Angemessenes Reagieren

„Regulierte, angemessene Reaktionen auf schwierige Situationen und Menschen. Kein Überreagieren auf die Überreaktionen anderer Menschen (insbesondere nahen Beziehungspersonen). Sie sprechen Themen auch dann an, wenn Sie ihnen lieber ausweichen würden.“ 

4. Sinnvolle Beharrlichkeit

„Dranbleiben“, auch im Angesicht von Frustration, Versagen und Enttäuschung. Das Aushalten unangenehmer Gefühle um des persönlichen Wachstums Willen. Das Abfedern von Schwierigkeiten und die Fähigkeit, nach einer Niederlage wieder aufzustehen.“ 

Zum Weiterlesen

David Schnarch:

„Die Psychologie sexueller Leidenschaft“ (Passionate Marriage)

Wir danken der Autorin und bekannten Paarcoach Sandra Teml-Jetter. Auf ihrer Website https://wertschaetzungszone.at/ findet ihr mehr Infos.

Die neusten Webinare von Sandra findet Ihr hier

BARRIO Video mit Sandra Teml-Jetter

Beitragsfoto: Von Shchusshutterstock.com

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