Wer Kinder hat, muss im Allgemeinen mit ein paar Nachteilen im Leben rechnen. Man muss zum Beispiel regelmäßig kochen, kann weder am Wochenende ausschlafen noch spontan Sex haben. Es gibt allerdings auch Vorteile. Zumindest wenn man die Tatsache, Kinder zu haben, richtig nutzt.

Es war vor etwa einem Jahr. Wir waren zum Abendessen bei den Schneiders eingeladen. Als um etwa 22 Uhr der bereits angetrunkene Oliver Schneider zu einer seiner Reden gegen den Sozialstaat ansetzte, sah ich plötzlich meinen Mann beherzt nach seinem Handy greifen. Er sah es an, machte ein leicht betroffenes Gesicht und flüsterte der Gastgeberin, in diesem Fall Frau Schneider, etwas zu. Diese nickte sofort und sprang von ihrem Stuhl hoch. Mein Mann zwinkerte mir zu und bedeutete mir, aufzustehen um zu verschwinden. So gingen wir ohne viel Aufhebens noch vor dem Ende der Rede Schneiders.

„Was um Himmels willen ist passiert?“ fragte ich meinen Mann als wir draußen waren.

„Nichts“ sagte mein Mann.

„Wie nichts?“ fragte ich.

„Ich habe nur gesagt dass wir nach Hause müssen, weil es unsere Tochter nicht so gut gehe.“

„Bärbel ist krank?“ sagte ich.

„Aber nicht doch. Bärbel geht es prächtig!“

„Du hast gelogen?“ sagte ich.

„Es war eine Notlüge. Ich meine, wolltest du etwa dem Schneider noch bis Mitternacht zuhören?“

Ich überlege nur kurz dann sagte ich.

„Nein, Das hast du gut gemacht.“ Auch wenn ich ein klitzekleines bisschen ein schlechtes Gewissen hatte.

Aber als wir die Woche darauf bei meiner Freundin Christina eingeladen waren und sie wieder einmal mit ihrem Lamento über ihren geschiedenen Mann ansetzte, das – wie ich aus eigener leidvolle Erfahrung weiß – sich gut und gern über zwei Stunden ausdehnen kann, griff ich plötzlich nach dem Handy.

„Ist alles in Ordnung?“ frage Christina.

„Ja, nur Bärbel geht es nicht ganz so gut, Ich glaube es ist besser wir gehen nach Hause.“

„Oh ja, natürlich“ sagte Christina.

„Großartig!“ sagte mein Mann als wir draußen waren.

„Und jetzt unternehmen wir was!“ sagte Heinrich.

„Bist du sicher?“ fragte ich.

„Aber ja! Die Kinder sind doch versorgt. Wir können also machen was wir wollen!“

Ich zitterte förmlich vor Aufregung. „Wir können machen was wir wollen“ ist ein Satz, den man als Eltern nicht oft sagen kann.

 

Wir gingen in eine Bar. Tranken Cocktails. Und kamen uns herrlich dekadent vor. So wie die Dandys aus Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“. Denen war auch nur eines wichtig und das war ihr eigenes Vergnügen. Etiketten und Konventionen waren ihnen egal.

Seitdem hat das Leben eine ganz neue Wende für uns bekommen. Wenn wir abends für eine Einladung das Haus verlassen, gilt nur eine Regel: wir bleiben nur, solange wir Lust haben. So können wir an einem einzigen Abend zu zwei Abendessen, drei Vernissagen, einer Geburtstagsparty  und anschließend sogar noch ins Kino gehen. Das Leben als Dandy kann so herrlich sein.

Ich habe mir eine Federboa gekauft, ohne die ich nicht mehr das Haus verlasse. Heinrich hat angefangen, lange Zigarillos zu rauchen. Außerdem hat Heinrich jetzt eine Perserkatze. Sie heißt Nepomuk, hat ein Collier aus Strass und er nimmt sie überall hin mit.

Letzte Woche waren wir wieder bei Schneiders eingeladen. „Wir bleiben nur kurz“ hatte mein Mann im Vorfeld schon zu Frau Schneider gesagt. „Sie wissen…. die Kinder..“

Frau Schneider hatte meinen Mann ein wenig vorwurfsvoll angesehen. „Dass sie bei dem Zustand ihrer Kinder überhaupt noch ausgehen, ist eigentlich ein Wunder.“

In diesem Moment wurde mir bewusst: wenn wir so weitermachen, werden uns alle als verantwortungsloses Ehepaar ansehen, man wird uns immer mehr misstrauen und schließlich überhaupt nicht mehr einladen.

Endet nicht auch Dorian Grays Leben in einem Desaster? Ich sah meinen Mann an. Wollen wir wirklich so weitermachen? Und irgendwann den Anschluss an die Gesellschaft verlieren?  Ich sah zu Heinrich. Bestimmt dachte er in diesem Moment das gleiche wie ich.

Er sah zu Frau Schneider. Zögerte. Allerdings nur einen Moment lang. Dann zuckte er mit den Schultern und sagte nonchalant: „Aber warum denn nicht, Madame Schneider?“

Als gegen 22 Uhr Herr Schneider betrunken zu seiner Rede gegen den Sozialstaat ansetzte, räusperte sich mein Mann kurz. Dann half er mir aus meinem Stuhl und setzte seinen Zylinder auf. Nepomuk sprang auf seine Schultern und ich warf mit theatralischer Geste meine Feder Boa um meinen Hals. Draußen zündeten wir unsere langen Zigarillos an und tanzten Tango durch die Nacht.

 

Wir bedanken uns bei Nathalie für diese wunderbare Geschichte. Wir lieben Deine Geschichten und freuen uns auf mehr. 

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Nathalie Weidenfeld studierte amerikanische Kultur- und Literaturwissenschaft und promovierte an der FU Berlin. Sie hat drei Kinder, einen Mann, einen großen Hund und zwei Katzen. Darüber hinaus schreibt sie Romane, Sachbücher und Kolumnen über den täglichen Familienwahnsinn.

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