Es ist kurz vor Ostern und Frau Nähfischer, das ist die Erzieherin in der Krippe meines zweijährigen Sohnes, fragt mich ob ich denn das Ei schon mitgebracht hätte.

„Welches Ei?“ frage ich.

„Na das ausgeblasene Ei für das gemeinsame Oster-Basteln natürlich!“ antwortet sie. „Wenn das Ei bis morgen nicht hier ist, kann Ihr Sohn am gemeinsamen Basteln nicht teilhaben – was erfahrungsgemäß,“ wie sie mit einem mitleidigen Lächeln hinzufügt „nicht so schön für ein Kind ist. Die Informationen hängen im übrigens schon seit Wochen am schwarzen Brett.“

Ich schlucke. Ich sehe  meinen kleinen Sohn vor mir, wie er einsam, in einer Ecke sitzt während um ihn herum alle anderen Ostereier basteln. Tränen kullern an seinen Wangen herunter. Und das, nur weil seine Mutter nicht auf das schwarze Brett gesehen hatte. Sofort renne ich los zum nächsten Bio Supermarkt und kaufe eine Packung mit sechs Eiern von biologisch ernährten freilaufenden Hühner. Jetzt muss nur noch eines dieser Eier ausgeblasen werden. Da ich noch nie in meinem Leben ein Ei ausgeblasen habe, gehe ich damit zu meiner Schwiegermutter. Bestimmt hat sie in ihrem Leben schon hunderte von Eiern für ihre Kinder ausgeblasen. Doch als ich mit meinen Eier aus artgerechter Hühnerhaltung vor ihrer Haustür stand, schüttelt sie nur den Kopf. Sie habe keine Ahnung wie man das machte, dafür habe man in der Nachkriegszeit keine Zeit gehabt. Sie wisse nur, dass man mit einer Nadel oben und unten reinstechen und den Inhalt aussaugen müsse. Das schaffe ich nie, denke ich. Wieder taucht vor mir wieder das Bild meines Sohnes auf, wie er in der Ecke steht. „Warum hast du damals nicht versucht, dieses Ei auszublasen?“ wird er mich später fragen. „Kein Wunder, dass ich ein Außenseiter geworden bin und nie einen Beruf ergriffen, nie geheiratet und nie mein Leben in Griff bekommen konnte.“

Der Schweiß steht mir auf der Stirn. Ein ausgeblasenes Ei muss her und zwar schnell. Sollte ich die Mutter von Nino , die, die immer weiß wann die Elternabende stattfinden und immer die besten Kuchen für das Kuchenbüffet mitbringt um ein ausgeblasenes Ei bitten? Dafür müsste ich mich allerdings als unfähige Mutter outen, die nicht mal in der Lage ist ihrem Sohn ein ausgeblasenes Osterei mitzugeben? Nein, denke ich. Entschlossen hole ich eine Nadel und pikste in eines der  Eier der biologisch ernährten freilaufenden Hühner. Doch nichts passiert. Als ich oben ebenfalls reinsteche, rutsche ich aus und die Nadel sticht mich in den Finger. Die nächsten vier Eier zerbrechen.

Mit meinem letzten Ei fahre ich zu meinem Mann.

„Er hat gerade eine wichtige Besprechung“ sagt seine Sekretärin.

„Sagen Sie ihm es ist ein Notfall“ antworte ich ihr. Kurz darauf kommt mein Mann aus seinem Konferenzzimmer.

„Was ist passiert?“ fragt er.

Ich halte das Ei in die Höhe und erzähle ihm von unserem Sohn und seiner späteren Unfähigkeit, später einmal am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, doch er sieht mich nur besorgt an und fragt vorsichtig, ob ich mich vielleicht nicht etwas ausruhen wolle. Ich erwidere, er solle nicht so einen Unsinn reden, sondern lieber jetzt da rein blasen, woraufhin er sagte, dass er jetzt zurück zu seiner Konferenz müsse.

Ich schlucke. Die Sekretärin meines Mannes sieht mich mitleidig an. In diesem Moment wird mir plötzlich klar, um was es bei dieser Ostereieraktion eigentlich geht. Es geht gar nicht um die Kinder geschweige denn um die Eier. Das Ostereierausblasen ist eine Prüfung, ein Initiationsritus, so wie sie etwa Jugendliche aus afrikanischen Stämmen durchlaufen müssen. In manchen Stämmen müssen junge Männer wochenlang durch die Steppe laufen. Erst wenn sie alleine ein Kudu erlegt haben, dürfen sie nach Hause kommen.  Wäre ich in Afrika müsste ich wahrscheinlich ebenso wochenlang in die Steppe und dürfte erst dann zurück wenn ich ein ausgeblasenes Straußenei besorgt hätte. Was mich plötzlich auf eine Idee bringt. Habe ich nicht am Flughafen von Kapstadt damals dieses völlig überteuerte Straußenei erworben? Hastig fahre ich nach Hause und tatsächlich: Groß, weiß und vor allem ausgeblasen liegt das afrikanische Straußenei in einer Schachtel im Speicher. Ha! Endlich kann ich die Heimreise antreten und stolz in mein Dorf zurückkehren, wo man mich als heldenhafte Mutter feiern wird. Man wird ein Kudu zu meinen Ehren schlachten und mein Sohn wird von allen bewundert werden.

Am nächsten Tag gehe ich erhobenen Hauptes mit meinem Ei zur Krippe. Als ich Frau Nähfischer sehe und ich ihr mein Straußenei überreichen will, winkt sie ab: Sie hätten noch genügend ausgeblasene Eier von der Mutter vom Nino vom vergangenen Jahr gefunden. Ich sehe sie entgeistert an, murmele irgendwas von Kudus und einer durchquerten afrikanischen Steppe, doch  es hilft nichts. Mein Sohn winkt, sagt „Tschüßi“ und dann gehen die beiden zur Enten-Gruppe

Stumm stehe ich mit meinem Straußenei in der Hand im leeren Gang. 

Dann laufe ich zurück in die Steppe. Ich wandere viele Stunden lang. Auf dem Weg begegne ich einem jungen Mann, der ein Kudu auf dem Rücken trägt. Wir machen gemeinsam Halt. Dann werfe ich das Straußenei in einen Busch und gehe nach Hause.

Wir bedanken uns bei Nathalie für diese wunderbare Geschichte. Wir lieben Deine Geschichten und freuen uns auf mehr. 

Ihr wollt mehr von Nathalie lesen? In ihrem Buch: „Der Tag, an dem Mama die Krise kriegte“, gibts noch viel mehr.

Nathalie Weidenfeld studierte amerikanische Kultur- und Literaturwissenschaft und promovierte an der FU Berlin. Sie hat drei Kinder, einen Mann, einen großen Hund und zwei Katzen. Darüber hinaus schreibt sie Romane, Sachbücher und Kolumnen über den täglichen Familienwahnsinn.

******************

Diesen und weitere interessante Artikel findest du in der Barrio App. Hast Du schon? Super! Ansonsten: Hole dir dort Inspiration für
Freizeitaktivitäten, verabrede dich in der App mit Eltern in deiner Nähe zu Playdates. Und finde dort außerdem Gutscheine und andere Vergünstigungen. Jetzt App installieren
: bit.ly/barrio-app