Der Faschingsball – Eine Geschichte aus “Der Tag, an dem Mama die Krise kriegte”

„Was ist, kommst du jetzt?“ frage ich. Ich habe einen großen Hexenhut und ein schwarzes Kleid an und winke Leon her, der einen roten Overall anhat und auf dessen Kopf ein Feuerwehrhelm steckt.

Ich habe für lächerlich viel Geld einen Platz für den Kinderfasching im Bayrischen Hof gekauft, an dem Kinder angeblich einen großartigen Fasching feiern können, weil sie dort „ein bunter, quirliger und lustiger Nachmittag“ erwartet.

 „Ich will nicht zum Fasching“ sagt Leon.

„Aber warum denn?“ frage ich. „Im bayrischen Hof erwartet uns ein bunter, quirliger und lustiger Nachmittag und …äh…. überhaupt wird es bestimmt ganz toll!“

Leon sieht mich gelangweilt an.

„Ich will zu Hause bleiben und Lego spielen“!“

„Nichts da“ sage ich. „Jetzt wird Fasching gefeiert und Spaß gehabt!“

Leon schmollt.

Wir fahren los. Nach einer halben Stunde finde ich endlich einen Parkplatz. Auf den Gehwegen überall Mütter mit Hexenhüten und schwarzen Kleidern die missgelaunte Kinder Richtung bayrischer Hof zerren.

Im Ballsaal setzen wir uns an einem Tisch, an dem drei weitere Mütter mit ihren Kindern sitzen.

„Hallo!“ rufe ich betont gutgelaunt in die Runde, ernte aber nur müde Blicke.

„Sollen wir gleich eine ganze Flasche Prosecco?“ bestellen fragt die Frau in die Runde.

„Nein, danke “ sage ich und rümpfe die Nase. Ich kann Mütter nicht verstehen, die immer nur an sich selbst denken und das Wohl des Kindes völlig ignorieren. Ich meine, manchmal muss man als Eltern eben Opfer bringen, und an Fasching geht es nun mal um die Kinder, die an Fasching eine tolle Zeit haben sollen, richtig?

Die beiden Frauen sehen mich mitleidig an. Ihre Kinder sind unterdessen unter den Tisch gekrabbelt und bewerfen sich dort mit Süßigkeiten.     

Leon sieht mich an.

„Gehen wir jetzt nach Hause?“ fragt er.

„Nach Hause?“ frage ich. „Aber nicht doch“ sage ich, entschlossen eine gute Zeit zu verbringen.

„Jetzt wird’s doch erst richtig lustig“.

Ich nehme Leon an der Hand und gehe mir ihm Richtung Tanzfläche.

Auf der Bühne hat ein Mann in bunten Hosen und einer roten Pappnase das Mikro in die Hand genommen. 

Er erzählt irgendetwas von Pumuckl und lustigen Tänzen, die wir jetzt gemeinsam tanzen können und einer Polonaise, die wir am Schluss machen werden und die unglaublich Spaß machen wird und dann macht er komische Bewegungen und winkt allen zu, herzukommen. Aber außer einem Vater, der ein Polizistenkostüm anhat kommt niemand.

Der Mann mit der bunten Hose und der Pappnase sieht uns an.

„Und jetzt machen Sie alles nach, was ich mache“ sagt er.

„Das ist lustig, mach mit“ sagt er zu seiner Tochter. Aber das kleine Mädchen im rosa Prinzessinnenkostüm sieht ihn nur streng an und schüttelt den Kopf.

„Genau“ sage ich und drehe mich zu Leon. „Das ist super“, aber da merke ich, dass Leon weggegangen ist, um sich unter dem Tisch mit den anderen Kindern mit Süßigkeiten zu bewerfen.

Der Mann und ich machen noch eine Zeitlang komische Bewegungen mit den Armen und den Beinen, dann breche ich den Tanz ab und gehe unter den müden Blick der anderen Eltern zurück. Unter dem Tisch sitzen die Kinder und bewerfen sich mit Süßigkeiten.

„Ich glaube, ich hätte doch gerne den Prosecco“ sage ich zu den Frauen.

Sie nicken stumm und schenken mir ein Glas ein.

Nach dem dritten Glas Prosecco, steht der Polizist vor unserem Tisch. Er hat ebenso ein Proseccoglas in der Hand.

„Ich bin alleinerziehäääään und bin….äh…. -hicks…ich ähhhhh hicks…“

„Kommen Sie guter Mann“ sagt die eine Frau und schenkt auch ihm ein weiteres Glas Prosecco ein.

Der Mann sieht uns dankbar an,  er hat feuchte Augen.

„Ich bin…Hedgggggge, äh.. hicks, ich bin hedgeeeefonmanager…ich bin… ich kann… hicks…aber das hier…. das ist..“

„Ich weiß, ich weiß“ murmeln die Frauen.

Jetzt bestellt die eine Frau noch eine weitere Flasche.

Der Mann in den bunten Hosen und der Pappnase steht verloren auf der Bühne. Niemand beachtet ihn. Irgendwann kommt er mit hängenden Schultern an unseren Tisch.

„Eigentlich bin ich in der Küche tätig“ sagt er, „aber die Hoteldirektion zwingt mich jedes Jahr, dazu hier aufzutreten.  Sie sagen, dass sie mich sonst feuern werden.“

„Unerhört“ sagt die Frau.

„Eine niederträchtige Gemeinheit“ sagt die andere Frau.

„Ich kann einfach nicht mehr“ schluchzt er.

„Hier“ sagt die dritte Frau und reicht ihm ein Glas Prosecco.

Irgendwann legt der DJ 70er Jahre Musik auf. Als das Lied „Saturday Night“ von den Bee Gees erklingt, stürmen die drei Frauen, der Hedgefondmanager, der Clown, und ich die Bühne. Der Hedgefondmanager klaut dem Clown die Pappnase und geht auf das Podest.

„Und jetzt machen Sie alles nach, was ich mache“ lallt er und macht komische Bewegungen mit seiner Hüfte.

Die Frauen und ich brüllen vor Lachen und versuchen die Bewegungen nachzumachen. Jetzt kommen die anderen Mütter auch auf die Tanzfläche. Sie alle haben ihre Hexenhüte ausgezogen und tanzen mit Proseccoflaschen in der Hand. Der Mann mit den bunten Hosen geht in die Küche zurück und kommt mit Bergen von Faschingskrapfen und eisgekühlten Proeseccoflaschen zurück. Wir brüllen vor Lachen, machen seltsame Bewegungen nach, singen Pumuckllieder und bilden Polonaisen. Irgendwann versammeln sich die Kinder um uns, sie versuchen uns dazu zu bewegen, nach Hause zu gehen. Sie haben Hunger und sind müde, aber das ist uns egal, hey, schreien wir, es ist Fasching und an Fasching hat man gefälligst Spaß zu haben, verstanden? Irgendwann geben die Kinder es auf und schlafen unter den Tischen ein. Im Morgengrauen holen uns unsere Männer ab.

„Ihr guten Frauen, ihr guten Mütter“ sagen sie. „Immer opfert ihr euch  für unsere Kinder auf“

Ja, sagen wir, aber was soll’s, manchmal muss man als Eltern eben Opfer bringen, und an Fasching geht es nun mal um die Kinder, die an Fasching eine tolle Zeit haben sollen, richtig?

 

Wir bedanken uns bei Nathalie für diese wunderbare Geschichte. Wir lieben Deine Geschichten und freuen uns auf mehr. 

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Nathalie Weidenfeld studierte amerikanische Kultur- und Literaturwissenschaft und promovierte an der FU Berlin. Sie hat drei Kinder, einen Mann, einen großen Hund und zwei Katzen. Darüber hinaus schreibt sie Romane, Sachbücher und Kolumnen über den täglichen Familienwahnsinn.

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