Wir Eltern sind dafür da, um unseren Kindern dabei zu helfen, die Welt zu verstehen. Manchmal fehlen uns aber selbst die Worte oder die Erfahrungen, um Dinge richtig einzuordnen. Diese Reihe im Barrio-Magazin soll dabei helfen. Heute geht es um Rassismus.

Rassismus sichtbar machen

Wenn wir weiß sind, sind wir privilegiert. Wir haben die Möglichkeit, uns dafür zu entscheiden, dass uns Rassismus und rassistische Gewalt nicht tangieren und nicht interessieren. BIPoC (Black indigenous People of Color“)haben diese Wahl nicht. Rassismus ist und bleibt ein Thema, ob wir nun darüber sprechen oder nicht. Denn struktureller Rassismus ist in uns allen zu finden. Deshalb ist es wichtig, uns selbst und unsere erlernten rassistischen Muster stetig zu reflektieren und zu hinterfragen, damit unsere Kinder lernen, dass nicht alles zwangsläufig so richtig ist, wie es ist. Als Menschen und Eltern, die diese Formen von Diskriminierung nicht erleben müssen, aber unbewusst oft versehentlich mittragen, haben wir die Verantwortung, diese Ungerechtigkeiten für unsere Kinder sichtbar zu machen. Nur so haben sie die Chance, dagegen anzugehen. Erst, wenn für unseren Nachwuchs sichtbar wird, was für andere Alltag ist, können sie rassistische Denkmuster erkennen und selbst anders handeln.

Beispiele und Metaphern finden

Wir fragen uns selbst als Erwachsene: Was bedeutet Diskriminierung überhaupt? Wie und wo bemerken wir sie? Damit dieses schwierige Thema für unsere Kinder greifbar wird, müssen wir Beispiele von Alltagsrassismus finden und aufzeigen. Denn unsere Kinder gehen durch die Welt und nehmen erstmal alles so an, wie es ist. Das bedeutet auch, dass sie schnell ein Gespür dafür bekommen, welche Hautfarbe ihre Eltern haben und in der Folge Gesichter der gleichen Hautfarbe häufiger und länger anschauen – und das schon mit drei Monaten nach der Geburt (Kelly et al., 2005). Mit zwei Jahren nutzen sie die Hautfarbe, um sich selbst unterschiedliches Verhalten von Menschen zu erklären (Hirschfeld, 2008), und mit zweieinhalb Jahren entscheiden sich Kinder schließlich meist bevorzugt für Spielkameraden der gleichen Hautfarbe (Katz & Kofkin, 1997). Deshalb ist es so wichtig, früh über Rassismus zu sprechen.

Kinder lernen über Geschichten

Da es sich um ein sehr abstraktes Thema handelt, macht es Sinn, altersgerechte Metaphern zu finden, die die Auswirkungen von Ungerechtigkeiten zeigen. Wir können zum Beispiel von dem Leben als Wettrennen erzählen, in dem manche Menschen viel weiter vorn anfangen dürfen als andere – und zudem keine Steine und andere Hindernisse auf die Laufbahn gelegt bekommen. Wir können erzählen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Diskriminierung und schlechteren Schulleistungen oder dass für manche Kinder die Polizist*innen nicht „Freunde und Helfer“ sind, sondern Angst auslösen. Wir können zeigen, dass Pflaster selbstverständlich „hautfarben“ sind, und warum das für uns unhinterfragt eine Art Lachsrosa ist. Wir können erklären, dass Menschen, die keine weiße Hautfarbe haben, sich weltweit viel mehr anstrengen müssen für ihre Ziele. Diverses Spielzeug, vielfältige Bücher, Filme mit BIPoC in den Hauptrollen und Märchengeschichten, die nicht nur im europäischen Hochadel zu spielen scheinen, sind eine gute Unterstützung. Denn wir lernen über Geschichten und über unsere Seh- und Sprechgewohnheiten, wie die Welt und die Menschen, die in ihr leben, funktionieren.

Deutlich sein

Letztlich werden wir erzählen müssen, dass es Menschen gibt, die BIPoC beschimpfen, schlagen, oder ihr Leben bedrohen. Hier kommt es natürlich auf das Alter und die emotionale Reife an, wie sehr wir ins Detail gehen. Aber es ist auch für Kinder wichtig zu verstehen, dass das Ergebnis von scheinbar nur „blöden“ Kommentaren und Gelächter dramatisch sein kann. Denn diese Kommentare stehen nicht für sich. Sie sind Teil einer rassistischen Sozialisation, die wir alle mittragen, und die Kinder meist schon im Kindergartenalter zu großen Teilen übernehmen (Kinzler, 2016). Erst, wenn wir uns trauen, das auszusprechen, können wir diese tief in uns sitzende Haltung ein Stück weit ablegen.

Lösungen aufzeigen

Wenn dieses schwere Thema angesprochen wurde, ist die Stimmung wahrscheinlich erst einmal im Keller. Dass es so händeringende Ungerechtigkeiten in der Welt gibt, erschrickt unsere Kinder vielleicht. 

Also zeigen wir auf, was man konkret tun kann.

Das kann zum Beispiel sein:

  • Laut werden, wenn unsere Kinder selbst Rassismus erleben, auch wenn es nur ganz kleine Kommentare sind.
  • BIPoC fragen, wie es ihnen nach einem Angriff geht. Auch, wenn es nur ein kleiner hässlicher Kommentar ist. Menschen, denen Rassismus täglich begegnet, sind von jedem kleinen Vorfall verständlicherweise oft härter getroffen.
  • Alternativvokabeln für gängige Beschimpfungen zurechtlegen.
  • Über Rassismus mit Freunden sprechen und eine klare Position beziehen.

Am wichtigsten ist es aber, mit unseren Kindern offen und ehrlich über Freundschaften zwischen Menschen zwischen verschiedenen Hautfarben und aus verschiedenen Ländern zu sprechen. Schon ab einem Alter von fünf Jahren kann das die Haltung unserer Kinder Rassismus gegenüber in gut einer Woche verändern (Bronson & Merryman, 2009). All das ist extrem altersabhängig und soll nicht mehr als eine unvollständige Liste von Möglichkeiten sein, selbst etwas zu tun. Vielen Kindern (und uns Eltern) hilft das im Angesicht von überwältigender Ungerechtigkeit.

Josephine Bernstein

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Beitragsfoto: Von View Apartshutterstock.com

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