Kaum vorstellbar, dass man mit 650 g schon auf die Welt kommen kann und eine Überlebenschance hat. Yvi erzählt uns aus ihrer eigenen Erfahrung mit Extremfrühchen Ben, was das bedeutet.

Hallo, liebe Mamas, werdende Mamas, Papas und werdende Papas,


ich heiße Yvonne und ich bin 32 Jahre alt, glücklich verheiratet und stolze Mama von Extremfrühchen Ben.
Heute möchte ich allen Müttern und Vätern Mut machen, die schwere Zeiten erlebt haben oder sich um ihr Kind immer noch sorgen.
Bens Leben begann ziemlich turbulent, denn er wurde aufgrund meiner Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie) am 6. Juni 2019 ganze 14 Wochen zu früh geboren – mit nur 650 gr und 30 cm Körpergröße.

Extremfrühchen Ben und Mama in akuter Lebensgefahr

Es bestand sowohl für mich als auch für Ben akute Lebensgefahr durch diese Schwangerschaftsvergiftung mit HELLP Syndrom. Also musste alles sehr schnell gehen und Ben musste so schnell wie möglich „geholt“ werden. Damit dies jedoch überhaupt möglich war, mussten erst seine Lungen reifen und ich bekam die sogenannte „Glukokorikoidtherapie“ zur Lungenreifung. Dies wird in der Regel bei drohender Frühgeburt zwischen  der 24. Und 33. Schwangerschaftswoche durchgeführt. Also musste Ben noch etwas warten, obwohl die Zeit wirklich drängte.

Dann war es soweit Ben wird als Extremfrühchen geholt

Dann war es soweit: Ben wurde per Kaiserschnitt geholt! Ich dankte Gott, dass er lebte! Meine Gefühle spielten verrückt. Ich freute mich und ich war gleichzeitig traurig. Ich freute mich unglaublich, dass er lebte, war aber gleichzeitig voller Angst, dass Ben bleibende Schäden haben könnte. Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. War es das pure Glück, dass ich spürte, nun Mutter zu sein, oder war es die Sorge vielleicht ein „Sorgenkind“ zu haben? Ich wusste es zu diesem Zeitpunkt einfach nicht. Alles, was vorher wichtig war, spielte nun eine Nebenrolle, alles drehte sich jetzt nur noch um Ben. Wird er es schaffen, später ohne bleibende Schäden ein normales Leben zu führen? Dieser Satz schwirrte in meinem Kopf umher. Ich bekam keine Antwort. Nein, so habe ich mir die Geburt meines Babys nicht vorgestellt.

Wird Ben ohne bleibende Schäden leben können?

Ben war sehr klein und schwach und seine Organe waren zu dem Zeitpunkt noch nicht voll ausgebildet. Der erste Anblick war für mich schockierend. Ich sah überall nur Schläuche und mein Baby sah nicht so aus, wie man sich ein Baby vorstellt. Ben sah „unfertig“ aus, wie ein kleines Vögelchen, das aus seinem Nest gefallen war. In gewisser Weise war er ja auch aus seinem Nest gefallen. Er durfte nicht mehr im meinem „Mamabauch“ liegen und noch ein wenig wachsen, bis er an der Reihe war. Nein, für ihn begann bereits jetzt das Leben da draußen, in der kalten Welt, ohne die vertrauten Geräusche im Mama-Bauch. Die fehlende Nestwärme ersetzte nun der sogenannte Brutkasten – der Inkubator.

Selbstständige Atmung war noch nicht gegeben

Ben konnte noch nicht selbstständig atmen und bekam eine Atemmaske (Cpap). Damit der Herzschlag und die Atmung unterstützt wurden, bekam er täglich zusätzlich mehrfach am Tag Koffein gespritzt. Dies war für seine Gehirnentwicklung sehr wichtig.
Die kommenden Monate dachte ich nur an Ben, an seine Entwicklung, an seine Gesundheit. Alles andere war dem nachgeordnet. Mein Baby musste es schaffen! Ben sollte all die Liebe bekommen, die er benötigte, um sich in Geborgenheit und Nestwärme weiterzuentwickeln. Ich fieberte dem Tag entgegen, an dem ich ihn endlich Zuhause im Arm halten würde. Aber noch war es nicht so weit.

So sah mein Alltag in dieser Zeit aus

Mein Alltag sah damals folgendermaßen aus: Ich fuhr jeden Morgen in die Klinik und habe mich zuerst mit der zuständigen Krankenschwester nach dem gesundheitlichen Stand erkundigt. Dies war für mich sehr wichtig, denn es begleitete mich stets die Sorge, ob Ben eine sogenannte Bradykardie (verlangsamter Herzschlag oder gar Aussetzer) haben könnte, denn dies haben die Kleinen leider sehr häufig. Die Krankenschwestern zeigten mir dann Bens Kurve seiner Herzaktivitäten. Daraus konnte man entnehmen, wie viele Bradykardien es waren und wie tief diese waren. Die Krankenschwester entschied dann je nach Zustand, ob Ben aus dem Inkubator (Brutkasten) herausgeholt werden durfte. Wegen der vielen Schläuche durfte man dies als Mutter nicht alleine tun, da versehentlich Schläuche gelöst werden konnten. Die Krankenschwestern legten mir dann meinen Ben auf den Arm oder auf meine Brust, was auch „Känguruhen“ genannt wird. Das „Känguruhen“ verstärkt unter anderem die Überlebensfähigkeit.

Frühchen können noch nicht ihre Temperatur selbständig halten

Da die Kleinen noch nicht die Temperatur halten können, bekommt man eine Wärmelampe zur Unterstützung. Ich habe Ben stundenlang gehalten – den ganzen Tag, jeden Tag. Ich habe ihn gewickelt und durch eine Magensonde ernährt, die mit einer Spritze verbunden war. Eine Magensonde ist ein dünner Schlauch, der entweder durch den Mund oder durch die Nase in den Magen eingeführt wird. Dieser Schlauch kann jederzeit wieder herausgenommen werden und es wird auch häufig gemacht, da Frühchen noch keine Kraft haben, eigenständig zu trinken.
Das „Känguruhen“ hat mir – und natürlich auch Ben – sehr gut gefallen. Ich habe sehr viel mit ihm „gekänguruht“. Ich wollte ihm all die Wärme und Geborgenheit geben, die ich fähig war zu geben. Im Hinterkopf hatte ich stets den Gedanken, dass der Kleine ja eigentlich noch im meinem Bauch hätte sein sollen, also sollte es ihm nicht an Wärme fehlen.

Frühchen-Mamas müssen auf vieles verzichten


Als „Frühchen-Mama“ freut man sich besonders über jedes Gramm, dass das Baby zunimmt. Viele Dinge, die man sonst mit seinem Baby so macht, konnte ich mit Ben zu meinem Leidwesen zunächst noch nicht machen. Dazu gehörte beispielsweise das Baby-Baden, das Ankleiden, aber auch das Spazierengehen.
Als Ben dann endlich 1500 g auf die Wage brachte, durfte er endlich Kleidung tragen und er lag endlich in einem Wärmebett und nicht mehr in dem Inkubator!
Der Unterschied zwischen beiden liegt darin, dass das Wärmebett nur von unten gewärmt wird, während im Inkubator das Baby in einem durchsichtigen Kasten liegt. Das war einer der schönsten Momente! Ben durfte von mir, seiner Mama, und von seinem Papa gebadet werden. Es war ein sehr schönes Erlebnis. Von da an übernahmen wir diese wunderschöne Aufgabe.

Spaziergänge auf dem Klinikgelände sind Highlight für uns

Ein weiterer unfassbar schöner Moment war, als mein Mann und ich mit Ben um das Klinikgelände herum spazieren durften. Etwas so Normales für Eltern von regulär geborenen Babies und für uns doch so besonders und wunderbar! Bei diesem Spaziergang hat ein kleiner Computer Bens Atmung aufgezeichnet, er war in dieser Zeit unser ständiger Begleiter. Bei den von mir so gefürchteten Atemaussetzern musste ich Ben stimulieren, indem ich ihn ruhig gestreichelt habe, oder an der Hand gedrückt habe und dabei versucht habe, so ruhig wie möglich zu bleiben. Leider musste ich diese Stimmulierung oft machen, da Ben zahlreiche Atemaussetzer hatte. Für mich wurde dies jedoch normal, es gehörte zu meinem Alltag und ich lernte damit umzugehen.

Leben mit Extremfrühchen ist voller Sorgen vor Risiken

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass das Streicheln für Extemfrühchen anfangs unangenehm ist, da ihre Haut noch sehr dünn ist, sie ist noch nicht so ausgebildet, wie die Haut von normal geborenen Babies. Daher ist es ein Anreiz, eigenständig zu atmen. Es war lebensnotwendig.
Anfangs war ich voller Sorgen, da in den ersten Wochen besondere Risiken auftreten konnten. Dazu gehörten z. B. Hirnblutungen, Hirnschläge usw. Ich bin trotz alldem positiv geblieben. Ich konzentrierte mich darauf, was Ben bereits durchgestanden hat. Und das war eine Menge: Er hat überlebt! Er ist ein kleiner Kämpfer. Trotz einiger Infektionen, die aber gut behandelt werden konnten und seiner Leistenbruchoperation (viele männliche Frühchen haben Leistenbrüche, da die Organe noch nicht völlig ausgereift sind), ist Ben gesund. Er entwickelt sich prächtig, obwohl es immer wieder Unsicherheiten bezüglich seiner Motorik gab.

Ben unser Extremfrühchen hat alles prima aufgeholt

Natürlich hört eine Mutter nie auf, sich um ihr Baby zu sorgen. Man macht sich als Mama immer Gedanken, wie es mit dem Baby weitergeht. Aber das Gröbste ist überstanden. Ben ist nun ein kerngesunder Junge! Er läuft bereits und übt sich im Sprechen. Bei seinem letzten Test für Extremfrühchen beim Kinderarzt ist Ben als kognitiv überdurchschnittlich eingestuft worden. Ist das nicht wundervoll? Ja, das ist ein kleines Wunder! Unser Wunder! Meine „650 g Leben“ haben alle Hürden geschafft! Wie seine Mama übrigens auch. Auch ich war damals als Baby in Lebensgefahr. Ich hatte einen Nierenrückfluss zweiten Grades, sehr starke Gelbsucht und Spina Bidida (offener Rücken). Ich wurde damals sogar notgetauft, da man nicht genau absehen konnte, wie ich alles verkraften würde. Selbst nachdem ich die ersten Hürden geschafft hatte, bestand noch die Gefahr, dass ich beim Laufen beeinträchtigt blieb. Aber ich hatte genauso viel Glück wie mein Sohn! Wir sind nun beide kerngesund und wir sind glücklich miteinander. Es ist so schön, die kleinen Fortschritte mitzuerleben! So wunderschön!

Ich bin unendlich dankbar, auch wenn der Weg nicht leicht war

Leider war ich bereits früh Waise, genauer gesagt mit 18, und meine Eltern können all dies nicht mehr miterleben! Das stimmt mich traurig, ich hätte gerne etwas mehr Zeit mit ihnen verbracht. Ich würde gerne mit ihnen meine Freude teilen wollen. Aber bestimmt schauen sie vom Himmel herab, und verfolgen Bens Lebensweg. Sie freuen sich mit mir, bestimmt. Ich bin dem lieben Gott, der heutigen Medizin, all den Ärzten/Ärztinnen und Krankenschwestern unglaublich dankbar!


Und zum Schluss noch eines

Bitte glaubt an das Gute, gleichgültig wie die derzeitige Situation auch sein mag. Es geschehen Wunder. Täglich. Bestimmt auch bei euch…Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, Bens Geschichte zu lesen! Auf meinem Kanal auf Instagram unter @Fruehchenmama_Yvi berichte ich täglich über Bens wundervolle Entwicklung – über unseren Alltag.
Ich lade euch herzlich ein, daran teilzuhaben! Ich freue mich auf euch!
Eure Yvi

Fotos: Yvi

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