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September 11, 2019 9:00 am

Frühe Fehlgeburt: Eine Mama erzählt


Mein Name ist Jenny, ich bin 28 Jahre alt und Mama von zwei Mäusen. Unser Junimädchen ist 2 Jahre und unser Januarjunge 5 Monate alt. Nur 3 Monate nach der Geburt des Babyjungen im Januar wurde ich überraschenderweise erneut schwanger. Die 3. Schwangerschaft war nicht geplant, sie war das Ergebnis einer falsch eingeschätzten Verhütungspanne. Schon 8 Wochen nach der Geburt des Babys im Januar bekam ich trotz Vollstillens meine Periode wieder. Ich hatte schon einen Termin bei der Gynäkologin ausgemacht, um mich bezüglich stillverträglicher Verhütung zu informieren. Bis dahin verhüteten wir mit NFP und Kondom. Die Kombination beider Methoden schien uns für den Übergang bis zum Gynäkologentermin sicher zu sein. Als Baby Nr. 3 entstand, hatten wir zum 1. Mal eine Panne mit dem Kondom. Da laut NFP der Eisprung aber noch nicht unmittelbar bevorstand, entschieden wir uns gegen die „Pille danach“. Diese Hormonbombe wollte ich mir und dem gestillten Babyjungen ersparen. Als meine Periode ausblieb, ahnte ich bereits, dass sich da jemand zu uns geschlichen hatte. Der Schwangerschaftstest bestätigte diese Vermutung und ich musste die Neuigkeit erst einmal sacken lassen. Ein 3. Baby? Ich hatte doch erst vor 3 Monaten ein Baby bekommen und die Gebärmutter hatte sich gerade erst zurückgebildet. Ich war mit den beiden kleinen Mäusen sehr ausgelastet und wir waren gerade dabei, unseren Alltag mit zwei Kindern neu zu sortieren. Ich hatte keinen Schimmer, wie ich meinem Mann davon erzählen sollte. Er war an dem Morgen im Büro, also schrieb ich ihm eine Nachricht, dass Baby Nr. 3 unterwegs ist. Er fragte mich, ob ich mir ganz sicher sei und entgegen meiner Erwartungen freute er sich sehr. Er war sich sicher, dass wir es auch mit drei Kindern schaffen würden und schrieb, dass er dieses Baby bereits jetzt unendlich liebe. In diesem Moment verspürte ich großes Glück und dachte, dass es wohl genau so sein soll. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass das Schicksal etwas anderes mit uns vorhatte…


Du hattest eine Fehlgeburt, wie lange liegt das zurück?

Die Fehlgeburt war erst im Juni diesen Jahres.

In welcher Woche war die Fehlgeburt? Und wie kam es dazu?

In der 11. Schwangerschaftswoche. Wir hatten den 1. Termin bei der Gynäkologin zur Feststellung der Schwangerschaft in der 6. Woche. Zu diesem Zeitpunkt sah man im Ultraschall noch nichts, obwohl wir bei den anderen Schwangerschaften zu dem Zeitpunkt bereits eine Fruchthöhle gesehen haben. Der Schwangerschaftstest war in der Praxis positiv, sodass die Gynäkologin vermutete, die Schwangerschaft sei einfach etwas jünger als angenommen. Den nächsten Termin bot sie mir dann schon 1 Woche später an, damit wir noch einmal schauen konnten. Bei diesem Termin in der rechnerisch 7. Woche sah man im Ultraschall die Fruchthöhle und eine Embryonalanlage. Die Gynäkologin bestätigte ihre Vermutung, dass die Schwangerschaft jünger sei als errechnet, denn das Bild im Ultraschall entspräche der 5./6. Schwangerschaftswoche. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich ein merkwürdiges Gefühl im Bauch, denn aufgrund der einmaligen Verhütungspanne konnte ich den Zeugungszeitpunkt auf ein paar Tage hin eingrenzen. Natürlich nicht auf den Tag genau, aber es war eigentlich unmöglich, dass die Schwangerschaft fast 2 Wochen jünger sein sollte als von mir angenommen. Wegen meines unguten Gefühls durfte ich dann in der darauf folgenden Woche erneut zur Gynäkologin kommen. Ich hatte große Erwartungen und hoffte auf unser kleines Gummibärchen, das sich doch nun endlich zeigen sollte. Mein Mann blieb bei unseren Kindern, die zu dem Zeitpunkt ihren Mittagsschlaf machten. Ich war schrecklich aufgeregt, als ich ins Untersuchungszimmer gerufen wurde. Ich betete und hoffte, dass alles gut sei. Als die Ärztin den Ultraschall durchführte, sah ich sofort, dass unser Baby nicht mehr da war. Die Fruchthöhle war leer. Die Ärztin suchte und suchte, konnte aber außer der zeitgerecht entwickelten Fruchthöhle nichts finden. Ich musste schlucken und wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Meine Ärztin sagte, dass wir abwarten müssten. Manche Babys würden sich gern verstecken, wir sollten nicht zu voreilig sein. Die Worte prallten an mir ab, das war der Moment in dem ich spürte, dass wir unser Baby nie kennenlernen würden. Als ich aus der Praxis kam, liefen die Tränen unentwegt. Ich war schrecklich traurig.
Beim nächsten Kontrolltermin 2 Wochen später bestätigte sich leider, dass es sich bei der Schwangerschaft um ein so genanntes Windei handelte. Eine Schwangerschaftsanlage ohne Embryo. Der Embryo hatte wohl in einem frühen Stadium aufgehört, sich weiterzuentwickeln. Ich bekam von meiner Ärztin eine Überweisung ins Krankenhaus, um eine Kontrolluntersuchung durchführen und mich zu einer Ausschabung beraten zu lassen. Es war zwar nicht eilig, aber da wir 2 Wochen später ins Ausland fliegen wollten, wollte ich nicht mit der Ungewissheit verreisen, wann mich die plötzlich eintretenden Blutungen bei einer natürlichen Fehlgeburt überraschen würden. Auch wollte ich ungern im Ausland ins Krankenhaus müssen, sollte ich größere Mengen Blut verlieren oder Schmerzen haben. Deswegen entschieden wir uns für die operative Entfernung der Schwangerschaft in der 11. Woche. Eine Woche hatte ich noch abgewartet, ob mein Körper die fehlangelegte Schwangerschaft nicht doch bemerken würde. Dem war leider nicht so, sodass ich Anfang Juni in den OP musste. Eigentlich sollte die Ausschabung unter Vollnarkose gemacht werden, da ich aber vollstille, riet mir der Narkosearzt im OP Vorbereitungsraum nur zu einer örtlichen Betäubung, in dem Fall zur Spinalanästhesie. Das Narkosemittel ginge in die Muttermilch über, ich dürfe 24 Stunden lang nicht stillen und ich hatte im Voraus keine Milch abgepumpt, da man mir zwei Tage vorher an anderer Stelle versicherte, das Stillen sei trotz der Narkose möglich. Also begab ich mich unter örtlicher Betäubung bei vollem Bewusstsein in den OP, Schmerzen hatte ich keine, aber der Eingriff war alles Andere als angenehm. Danach war ich einfach nur froh, dass es vorüber war. Durch die Spinalanästhesie konnte ich noch sieben Stunden lang meine Beine nicht bewegen, da ich bauchnabelabwärts betäubt war. Ich blieb also den ganzen Tag im Krankenhaus, zusammen mit meinem Mann, der mir nicht von der Seite wich, und unseren Kindern. Mit mir im Zimmer lag eine andere junge Frau, die ebenfalls an dem Morgen eine Ausschabung hatte. Das Herz ihres Babys hatte in der 11. Woche plötzlich aufgehört zu schlagen. Es war ihre erste, lang ersehnte Schwangerschaft gewesen und ihr Schmerz, ihre Trauer, ihre Wut, all ihre Gefühle durchfluteten den Raum und ich tat das einzig Sinnvolle, was ich meiner Meinung nach tun konnte: ich hörte zu und litt mit ihr. Das Einzige, was ich nach der Operation fühlte, war eine große Leere. Da fehlte etwas. Dazu mischte sich dieser als völlig fehl am Platz empfundene Hauch von Erleichterung. Erleichterung darüber, dass ich nun endlich abschließen konnte.


Wie seid ihr als Paar mit der Fehlgeburt umgegangen?


Wir haben viel gesprochen, gemeinsam geweint und gelitten. Wir haben versucht, das Unbegreifliche greifbar zu machen, haben uns Halt gegeben, Trost gespendet und uns in dieser Zeit darauf konzentriert, uns zu vergegenwärtigen, welch großes Glück wir haben, zwei gesunde Kinder zu haben. Wir wissen leider, dass dieses Glück keine Selbstverständlichkeit ist. Wir haben uns gegenseitig Wertschätzung ausgesprochen, uns den Rücken gestärkt und mein Mann hat mir in einer außergewöhnlich schönen Art und Weise gezeigt, wie sehr er mich liebt. Natürlich haben auch unsere beiden Kleinen dazu beigetragen, wie wir als Familie mit der Fehlgeburt umgegangen sind. Mit zwei kleinen Kindern hat man glücklicherweise ein gewisses Maß an Ablenkung und wenig Zeit, sich in der Trauer zu verlieren. Mein Mann hat zwar die körperliche Erfahrung nicht teilen müssen, aber er hat sich wahnsinnig auf das Baby gefreut und es war für mich trotz der traurigen Situation eine so schöne und wertvolle Erfahrung zu sehen, wie sehr ich mich auch in stürmischen Zeiten des Lebens auf ihn verlassen kann. Rückblickend kann ich sagen, dass uns diese schwierige Zeit noch mehr zusammengeschweißt hat.

Morgen lest Ihr den 2. Teil des Interviews.

Mehr auf Jenny’s Instagram Account

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