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Juni 3, 2019 9:00 am

Ich bin ein unperfekter Papa und stolz drauf

Ich bin mal ein Perfektionist gewesen. Ich habe die Stifte auf meinem Schreibtisch in Reihen geordnet und meine Gewürze nach Farben sortiert. Dann wurde ich Papa. Jetzt war ich ein gestresster Perfektionist. Denn ein Leben mit Kleinkind bietet vieles, aber keinen Raum für das endlose Sortieren von persönlichen Dingen.

Während Perfektionismus schon für kinderlose Menschen eine Herausforderung darstellt, ist er für eine frischgebackene Familie eine enorme Zerreißprobe. Ich erinnere mich an Situationen, wo nach unserem Umzug die Küchengeräte immer noch eingepackt im Schlafzimmer standen, weil ich zuerst meine Lieblingsbücher korrekt einsortieren musste. Mit Betonung auf „musste“, nicht „wollte“. Denn so sehr dieses schräge Verhalten mit einer Art inneren Befriedigung verknüpft ist: Mit einem entdeckerfreudigen Kind und einem ruhebedürftigen Partner an der Seite wird aus einem harmlosen Tick ein sinnloser Egotrip. Das Kind räumt zwei Minuten später ohnehin jedes einsortierte Ding wieder aus den Regalen.

Überprüft eure inneren Standards

Mein Perfektionismus war mir zu einer schlechten Gewohnheit geworden. Gewohnheiten neigen dazu, sich mit einer Art mentalem Megafon bemerkbar zu machen. Doch was ist, wenn die Stimme der Vernunft eher als die maskierte Angst vor Veränderung entpuppt? Als zwanghafter Ausdruck einer Ordnung, die wir nie hinterfragt haben, weil wir früher genug Zeit hatten, ihren komischen Ansprüchen zu folgen, ohne darüber nachzudenken?

Teil einer festgelegten inneren Routine ist häufig auch der durch Blogger, Werbung, Magazine und Fernsehen vorgelebte, unrealistische Anspruch an uns Eltern. Neben einem geräuschlosen Familien- und einem erfolgreichen Arbeitsleben gehört dazu beispielsweise das perfekt zelebrierte Sonntagsfrühstück auf Instagram. Es gibt diese Wunder an menschlicher Präzision, die all das schaffen mögen. Aber als Außenstehender kann man nie wissen, wie viel ungesehene Unterstützung, wie viel heimliche Tränen diese perfekte Welt anderer tragen. Niemand kann diese 110 Prozent Perfektion geben, die wir als unrealistischen Standard so oft vor Augen haben. Was wir uns also als Erstes fragen sollten, ist: Sind unsere Vorstellungen ideal für mich und meine Familie? Wo kann ich mich entspannen und zur Ruhe kommen?

Ein anderer Blick auf mich selbst

Ich wollte diese Fragen angehen und habe es mit Verhaltenstherapie versucht. Das bedeutet, all diese kleinen fiesen Gedanken ans Tageslicht zu ziehen, kurz unter dem Lichtkegel meiner Aufmerksamkeit festzupinnen und mir zu sagen: Macht das hier Sinn? Anstelle einer sinnigen Begründung für meinen Anspruch, ideal in allem zu sein, fand ich Wurzeln aus irrationalen Gedanken, die einen Baum mannigfaltiger Probleme mit Nährstoffen versorgten. Anstelle meine Texte zügig zu Ende zu bringen, verlor ich mich regelmäßig in Scheinaufgaben (Fußnoten harmonisieren, doppelte Leerzeichen suchen etc.) und hatte zum Schluss nicht nur ein weniger rundes Ergebnis, weil die Zeit für die eigentliche Schreibarbeit knapp wurde, sondern auch weniger Raum, um ein guter Mann und Vater, kurz, ich selbst zu sein.

Es war an der Zeit, diese negativen Verbindungen zu meinem Perfektionismus zu kappen. Geholfen hat mir dabei eine Frage: Ist das wirklich so wichtig? Was würde passieren, wenn die Dinge anders laufen als geplant? Ist meine Sicht auf die Situation wirklich die einzig mögliche? Ich habe mich also an einem Perspektivwechsel versucht, in der Fachsprache ein „Reframing“, eine Art Neufassung dessen, wie ich denke. Das Ganze basiert auf wenigen, einfachen Schritten.

Neue Gedanken denken

Angstgedanke: Meine Eltern kommen zu Besuch, aber ich bin zu müde, um das Haus aufzuräumen und gleichzeitig den Wocheneinkauf zu machen, weil das Kind gestern so lange wach war. Das Ganze wird ein großes Desaster. Sie werden denken, dass bei uns es dreckig und ist und ich meine Elternpflichten vernachlässige.

Alternativgedanke: Es ist unrealistisch, davon auszugehen, dass ich gerade dann ausgeschlafen bin, wenn ich viel zu tun habe und auch noch Besuch bekomme. Es ist nicht so wichtig, dass es hier aufgeräumt ist. Viel wichtiger ist, dass wir alle zusammen eine schöne Zeit haben. Rational gesehen werden meine Eltern mich nicht dafür verurteilen, wenn es irgendwo nicht geputzt ist, weil ihr Fokus ja auf ihrer Enkelin liegt. Außerdem kommen sie ja nicht eigens vorbei, um mich vorzuführen.

Überprüfung beider Gedankengänge: Es ist viel wahrscheinlicher, dass sich meine Eltern einfach über mich freuen und für uns einkaufen gehen, als dass sie ihrem Kind vorwerfen, es wäre unfähig. Mein Alternativgedanke ist viel realistischer als mein Angstgedanke.

Neue, hilfreiche, realistische Perspektive: Der Besuch wird entspannt und schön. Und wenn meine Eltern doch etwas stört, werde ich ihnen sagen, wie sie mich am besten unterstützen können.

Ich vergleiche mich nicht mehr mit anderen Eltern

Ich habe aufgehört, mich mit anderen zu vergleichen, die ohnehin alles anders machen als ich. Anstelle zwanghafter Perfektion habe ich jetzt Lebensstandards, die besser zu mir und meiner Familie passen und mich glücklicher machen. Das heißt: Statt geordneter Stifte auf dem Schreibtisch habe ich also lieber gar keinen Schreibtisch mehr. Falls ich mich doch mal dabei ertappe, perfektionistisch zu denken, stelle ich mir das Worst-Case-Szenario vor, das am Ende nie eintritt und fordere meine Gedanken heraus, bis ich eine hilfreiche Perspektive finde, die mich beruhigt. Am Ende springe ich jeden Tag aufs Neue ins kalte Wasser und versuche, ein unperfekter Papa zu sein. Ich habe festgestellt, dass alle, auf die es ankommt, mich trotzdem ziemlich perfekt finden.

Olaf Bernstein

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