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Februar 12, 2019 9:00 am

Interview mit Florian Jaenicke, Fotograf und Autor der Fotokolumne „ Wer bist Du“ 2019 im Zeit Magazin

Florian Jaenicke lebt mit seiner Familie in München. Er arbeitet als freier Fotograf im Bereich Portrait und Reportage, vor allem für Magazine und Agenturen, aber auch für Werbung und Geschäftsberichte. Von 2010 bis 2017 hatte Florian Jaenicke einen Lehrauftrag für Fotografie an der Hochschule Augsburg, seit 2017 an der Hochschule München.

Zu seinen Kunden zählen bekannte Namen, wie SPD, Greenpeace, GEMA, Stern und viele mehr. Seine freien Projekte sind regelmäßig in Ausstellungen zu bewundern. 

Im Zeit Magazin hat er nun ein ganz besonderes, sehr persönliches Projekt, an dem die Zeitleser jede Woche teilhaben dürfen. In der Kolumne „Wer bist Du?“ veröffentlicht er wöchentlich ein Foto seines mehrfach behinderten Sohnes Friedrich mit einem Kommentar seinerseits. Man muß die Fotos selbst gesehen haben, um ihre Tiefe zu verstehen und ihre Botschaft zu erfühlen.

 

 

BARRIO: Ich freue mich ganz besonders, dass Sie sich Zeit genommen haben, um für unsere Leser einige Fragen zu beantworten. Ich verfolge mit großem Interesse Ihre Fotokolumne im Zeit Magazin mit dem Titel „Wer bist Du?“.  Sie veröffentlichen dort einmal pro Woche ein Foto von Ihrem Sohn Friedrich. Friedrich ist inzwischen 13 Jahr alt und mehrfach schwerst behindert. Wie ist es zu dem Entschluss gekommen diese Kolumne zu machen?

 

Florian Jaenicke: Wie die meisten Väter, fotografiere auch ich meinen Sohn sehr häufig. Da ich mich aber auch beruflich mit der Fotografie und insbesondere der Portraitfotografie auseinandersetze, war es mir schon immer ein Anliegen meinen Sohn fotografisch darzustellen, bzw. einen Zugang zu ihm mittels der Bilder zu finden. Ausser mimisch, kann er nur durch Lautieren mit mir kommunizieren. Da er aber, anders als gesunde Menschen, völlig unbefangen vor der Kamera ist, erscheinen mir die Fotos von ihm besonders wahrhaftig.

 

BARRIO: Was ist die Intention, die hinter der Kolumne steht?

 

Florian Jaenicke: Ich hoffe durch die Veröffentlichungen im Zeit Magazin den Lesern diesen kleinen besonderen Menschen näher zu bringen, so daß sie Anteil nehmen an ihm und auch an anderen Kindern, die so sind wie er. Zweifellos ist sein Leben nicht alltäglich aber ich denke gerade deshalb kann man viel von ihm lernen, besonders dass Menschen wie er eine Bereicherung für alle sind.

 

BARRIO: Friedrich ist nicht in der Lage mit Ihnen zu sprechen oder mit Ihnen längeren Blickkontakt aufzunehmen, um Ihnen zu sagen, was er von der Kolumne hält. Ich habe mir die Fotos lange und immer wieder angeschaut, sie haben mich sehr tief berührt und ich bin mir sicher, dass Friedrich glücklich ist und stolz auf seinen Papa, der diese Kolumne für ihn macht und seine Familie, die für ihn da ist. Es ist auf beiden Seiten so viel Liebe zu spüren, ich bin mir sicher, dass dies ein Teil der Botschaft von Friedrich an uns alle ist. Glauben Sie nicht auch?

 

Florian Jaenicke: Es freut mich sehr dass sie das so sehen und wie gesagt, wir alle können uns von der Unmittelbarkeit wie er sein Leben lebt etwas abschneiden. Und ja, er ist absolut bezaubernd und liebenswert, ich bin der Redaktion des Zeit Magazins deswegen sehr dankbar, dass sie uns die Möglichkeit geben ihn den Lesern näher zu bringen.

 

BARRIO: Sie haben gesagt, dass Sie mit der Kolumne, wie ja auch der Titel „Wer bist Du?“ schon sagt, Friedrich noch besser verstehen und kennenlernen wollen. Was hoffen Sie mehr von Friedrich zu erfahren? Wollen Sie vielleicht auch anderen Eltern mit kranken oder behinderten Kindern Mut machen sich zu zeigen?

 

Florian Jaenicke: Absolut. Wir wissen nur zu gut wie anstrengend es ist mit einem so kranken Kind in der Öffentlichkeit zu agieren, nicht nur wegen der fehlenden Barrierefreiheit, sondern auch weil alleine Anziehen und Ausziehen, Windeln wechseln, Platz finden, um ihn auch einmal aus dem Rolli zu nehmen, zeitraubende Probleme sind. Leider sind wir meistens die Einzigen, die mit einem schwerbehinderten Kind in der Öffentlichkeit gehen, obwohl es viel mehr Familien gibt als man meint die so sind wie wir. Ich hoffe dass die Menschen sich trauen die Dinge die unser Leben ausmachen, auch wenn es nur eine Minderheit betrifft, anzusprechen und öffentlich zu leben, so wie es z.B. Homosexuelle erfolgreich vorgelebt haben. Nur so kann Integration stattfinden, nämlich wenn beide Seiten aufeinander zu gehen.

 

BARRIO: Darf ich Sie fragen, wie das damals war, als sie erfahren haben, dass Friedrich schwerstbehindert sein würde?

 

Florian Jaenicke: Das ist sehr schwer zu beschreiben, denn es ist ein langer Prozess, der, wenn man ehrlich ist, immer noch andauert. Ohne Frage sind die Einschränkungen in der persönlichen Lebensverwirklichung massiv und ich glaube jeder stellt sich hin und wieder die sinnlose Frage was gewesen wäre wenn und worin die Bedeutung in unserem Schicksal liegt. Sicherlich haben wir das klassische Trauma: Schock, Trauer, Wut, Überaktivismus und Resignation in den ersten Jahren immer wieder durchlebt und so richtig seinen Frieden macht man, glaube ich, nie damit.

 

BARRIO: Gibt es schon Reaktionen der Zeit Leser auf Ihre einzigartige Kolumne, die so tief geht und so berührt?

 

Florian Jaenicke: Ja, die gibt es!
Es ist wirklich überwältigend wie viele Menschen sich an uns und die Zeit gewandt haben um mitzuteilen, dass sie dankbar für die Möglichkeit der Anteilnahme sind. Es berührt uns sehr, dass es scheinbar viele Menschen gibt die verstehen, dass unsere Geschichte erzählt werden muß und es bereichernd sein kann von uns und besonders Friedrich zu erfahren. Besonders schön fand ich die Aussage einer Leserin, die schrieb, dass es in der Kolumne eigentlich gar nicht nur um Friedrich und seine Familie geht, sondern um das Mensch sein an sich.

 

BARRIO: Wir danken Ihnen für dieses offene und ehrliche Interview und wünschen uns, dass wir durch Ihre einzigartigen Fotos und die Kolumne noch viel von Friedrich erfahren werden und seine Botschaft in die Welt hinaus getragen wird.

Januar 2019

Auf Instagram findet Ihr Florian Jaenicke unter https://www.instagram.com/florianjaenicke/

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