Wir sind zurück aus dem Urlaub. Seitdem kratzt es uns am Kopf. Also mich, Bärbel und Leon. Mein Mann meint, dass das nur psychisch sei. Der Stress des Schulstarts nach den Ferien.

„Ich gehe nicht mehr in die Schule.“ sage ich.

„Dann leidest du eben nur mit den Kinder mit.“

„Ich leide nicht mit den Kinder mit. Es kratzt mich nur am Kopf.“

Mein Mann zuckt die Schultern und sagt, dass ich eine unverbesserliche Tendenz zum Dramatisieren habe. 

Ich seufze und schüttle den Kopf. Mein Mann ist großartig, aber manchmal hat er einfach keine Ahnung, was sich hinter dem Leben einer Hausfrau und Mutter wirklich verbirgt.

Bärbel und ich veranstalten unterdessen einen Kratzwettbewerb.

Ich: „Mich hat es den ganzen Tag gekratzt.“

Bärbel: „Und mich den ganzen Tag UND die ganze Nacht.“ 

Und Leon schreit, er habe genauso viele Läuse wie wir, weil das sonst ungerecht sei.

Am selben Tag kaufe ich ein Eukalyptusöl-Shampoo gegen Juckreiz, das so sehr stinkt, dass Leon sich weigert, mir einen Gute-Nacht-Kuss zu geben und mein Mann zum Schlafen ins Wohnzimmer zieht. 

„Eukalyptus riecht doch prima.“ sage ich und erinnere mich, dass mir mal ein bekiffter Australier in Sydney erzählt hat, dass die Koalas von Eukalyptus völlig high werden. 

Am nächsten Morgen werfe ich das stinkende Eukalyptusöl-Shampoo weg und mache mich auf den Weg in die Apotheke. Auf der Ladentheke sehe ich eine Broschüre, auf der ein riesiges schwarzes Insekt und ein entsetzt dreinblickendes Kind abgebildet ist. Darunter die Überschrift: Kopfläuse – kein Grund zur Hysterie. 

Kennen Sie den Moment – in Horrorfilmen – in dem der Heldin nach einer Stunde Rätselraten plötzlich klar wird, dass die abgetrennten Köpfe und die anderen seltsamen Dinge, die bis dahin passiert sind, eben nicht – wie bis dahin alle gedacht haben – auf natürliche Ursachen zurückzuführen sind, sondern dass die Monster aus der Unterwelt für all das verantwortlich sind. Es ist dieser Moment, der in der Heldin zwar ein Gefühl der Erleichterung („Endlich weiß ich warum das so ist.“) aber auch des absoluten Grauens („Wenn das so ist, werden wir alle sterben.“) auslöst?  Genauso geht es jetzt mir, denn ich weiß es mit Gewissheit: Ich und meine Familie sind befallen worden: Von blutsaugenden, ekelerregenden Insekten, die täglich Hunderte von Eiern legen und nicht aufhören werden, bis sie irgendwann unseren ganzen Körper befallen und uns ausgesaugt haben werden. 

In der Apotheke kaufe ich zehn Läuseshampoos, fünf Kämme, drei Abwehrsprays und einen Anti-Nissen-Waschzusatz. Die Apothekerin weist mich zwar am Ende darauf hin, dass eines der Shampoos wahrscheinlich ausreichen würde – was aber nichts an meinem Entschluss ändert, im Kampf gegen die Läuse so gut ausgerüstet wie möglich vorzugehen.

Noch im Auto schmiere ich mir die Haare mit dem Abwehrspray ein. Irgendwie riecht es wieder nach Eukalyptus. Als Bärbel nach Hause kommt, hole ich das ich das Läuseshampoo heraus. 

„Komm her!” sage ich. “Das muss man in die Kopfhaut einschmieren und zehn Minten einwirken lassen. Dann kann man es wieder auswaschen.”

„Iiih” sagt Bärbel. „Das stinkt schon wieder nach Eukalyptus. Da mache ich nicht mit!” sagt sie.

Ich versuche ihr zu erklären, dass man immer die ganze Familie gleichzeitig behandeln muss, weil man sich sonst gegenseitig wieder ansteckt. Aber Bärbel sagt, sie werde nie im Leben dieses stinkende Läuseschampoo auf ihrem Kopf haben und verbarrikadiert sich in ihrem Zimmer. Dann gehe ich zu Leon. Der fängt sofort an zu weinen, sagt, er hasse Eukalyptus und rennt davon. Ich renne ihm hinterher und rufe ihm zu, dass er jetzt ein ganz tapferer Koala sein muss, weil sonst die Läuse seine Haare aufessen werden, woraufhin er noch lauter schreit und noch schneller rennt. Mit der Shampoo-Flasche in der Hand rase ich durchs Haus und versuche, Leons Kopf im Laufen mit dem Mittel vollzuspritzen – was mir aber nur mäßig gelingt. Während das Mittel überall im Haus verteilt wird – nur nicht auf seinen Kopf – fluche ich. 

Die Läuse rüsten nun zu ihrem letzten verzweifelten Kampf auf. Die Läusemütter produzieren unterdessen minütlich ihre hundert Eier und befallen den Rest unserer Körper. Ich rase nach oben und schlage die Tür zu Bärbels Zimmer ein. Ich fange sie mit einem Lasso, verteile das Mittel auf ihrer Kopfhaut. Bärbel schreit, dass das Nötigung ist und sie mich anzeigen wird. Ich sage, dass Sie nach ihrer Volljährigkeit gerne in eine Läuse-WG ziehen kann, aber dass so lange sie in meinem Haus lebt, ich verdammt noch mal dafür sorgen werde, dass nicht die Läuse, sondern sie überleben wird. 

Angeblich sollen nach nur 10 Minuten Einwirkzeit alle Läuse und Nissen tot sein. Ich setze die Stoppuhr. 

Noch zehn Minuten. 

Noch sechs. 

Noch drei. Zwei. 

Plötzlich klingelt es an der Tür. Mit einem Läuseshampooabwehrspray bewaffnet rase ich nach unten. Das Haus riecht nach einem einzigen Eukalyptuswald. Bekiffte Koalas hängen an den Vorhängen. Läuse versperren mir den Weg. Ich bahne mir den Weg mit dem Brotmesser frei. Noch eine Minute. Heinrich klingelt erneut. 

„Machst du mir auf?“ ruft er von draußen. „Ich habe meinen Schlüssel vergessen.“

Die Minute ist um. Die Läuse fallen tot zu Boden, die anderen verziehen sich aus dem Kampfgebiet, tote Larven überall. Die Koalas brüllen.

Ich öffne die Haustür. Heinrich kommt herein.

„Danke, Schatz“ sagt er. „Alles gut?“

„Ja.“ sage ich und nicke. „Alles ist gut.“

„Dumme Frage.“ sagt Heinrich. „Warum sollte auch nicht alles gut sein?“ 

Ich seufze und schüttle den Kopf. 

Mein Mann ist großartig, aber manchmal hat er einfach keine Ahnung, was sich hinter dem Leben einer Hausfrau und Mutter wirklich verbirgt.

 

Danke für diesen superlustigen Text an Nathalie.

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Nathalie Weidenfeld studierte amerikanische Kultur- und Literaturwissenschaft und promovierte an der FU Berlin. Sie hat drei Kinder, einen Mann, einen großen Hund und zwei Katzen. Darüber hinaus schreibt sie Romane, Sachbücher und Kolumnen über den täglichen Familienwahnsinn.

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