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April 22, 2018 8:10 am

Make the PLANET great again! Aber erst noch nen Latte To Go.

Ich muss gestehen, dass ich, wie viele Eltern, an einer krassen Form der Umwelt- und Konsummoral-Schizophrenie leide.

Für diesen Neologismus wird mein Kollege mich vermutlich erwürgen. „Sag halt Doppelmoral.“ Habe ich ein Glück, dass heute Sonntag ist – puhh!

Kommen wir wieder auf den seriösen Kern dieses Beitrags zurück. Ja, auch die kichernden Hühner in der vorletzten Reihe.

Tag der Erde. Musste ich googeln. Und das obwohl ich nach dem Abitur ein kurzes Intermezzo mit den Grünen hatte, das ich aber nach ein paar Partys mit der CSU-Jugend wieder beendete. Politik is’ nix für mich. Alles nur Geschwafel und Um-den-Brei-Herumgerede. Finde ich. Wenn man stets tausende Interessen berücksichtigen muss, verliert man sehr schnell den Sinn fürs Wesentliche. Nämlich die Rettung der Erde!

Make the PLANET great again! Aber erst noch nen Latte To Go.

„Umwelt- und Konsummoral-Schizophrenie?“, höre ich meine Mutter sagen. Einen Ausdruck auf dem Gesicht, als wären mir mittlerweile alle Gehirnzellen aus den Brustwarzen getropft. #Langzeitstillen – hat wohl nicht nuuur Vorteile, was?!

Worauf ich hinaus will: Ich bin der größte Fan von Nachhaltigkeit! Von liebevoll hergestelltem Holzspielzeug. Von Latte-Macchiato-Becher-Pfandsystemen. Von verpackungsfreien Supermärkten. Und von Stoffwindeln anstatt Wegwerfwindeln. Yes, DAS finde ich so richtig geil!

Fakt ist aber: Ich kaufe meiner Tochter vorwiegend Plastikspielzeug, gönne mir fast täglich Kaffee aus Einwegbechern, kaufe beim Discounter (wo, by the way, jeder Mist mit Plastik verpackt ist) und habe ein Wegwerfwindel-Monatsabo.

Ich denke also „grün“, lebe aber in Wirklichkeit in Umweltsünde. #ShameOnMe.

Immer wenn ich mal wieder einen Berg an Kooperationsartikeln im Keller stehen habe oder einen dieser „Fünf-nach-zwölf-Umweltartikel“ lese, legt sich bei mir ein Schalter um. Der „Konsum-ist-böse-Schalter!“ Und zack bin ich wieder Erin Brockovich.

Minuziös versuche ich dann jeglichen Verpackungsmüll zu vermeiden und die Bäckereifachverkäuferin zu nötigen, mir die Brötchen in meinen selbst mitgebrachten Stoffbeutel zu packen, obwohl sie das „aus hygienischen Gründen“ gar nicht darf.

Das schlechte Gewissen treibt mich sogar so weit, dass ich mir mein langes, güldenes Rapunzelhaar (tausendfach blondiert und totgeglättet!) mit einem selbst hergestellten Roggenmehl-Gemisch wasche und mich letztlich wundere, woher die Klumpen auf meinem Haaransatz kommen.

Wie beim Abnehmen ist der Jo-Jo-Effekt auch beim Konsum-Detox vorprogrammiert.

Obwohl unsere Erde nicht noch ein Trumm gebrauchen kann, das sie in einem jahrtausendelangen Prozess abbauen muss, greife ich im Drogeriemarkt nach einiger Zeit ganz automatisch wieder zum Shampoo aus der Plastikflasche. Ist ja okay, wenn der Inhalt vegan und nachhaltig produziert ist, oder?! Das Kind zeigt sich nach zehn Minuten Training leider auch noch nicht willens, sich aufs Klo zu hocken, weshalb Windeln mit Ultraabsorbern plötzlich wieder unverzichtbar erscheinen. Alles andere wäre ja irgendwie viel zu … anstrengend. Und weil ich zu coolen Kooperationen einfach nicht nein sagen kann, zieht bestimmt auch noch der dritte oder vierte Buggy bei uns ein.

Vielleicht fällt mir umweltbewusstes Handeln deshalb so schwer, weil zwei Herzen in meiner Brust schlagen.

Einerseits liebe ich schöne Dinge, fühle mich unter Druck, mit anderen Power-Moms mitzuhalten und mache es mir gern so leicht wie möglich.

Andererseits weiß ich natürlich, dass das bäh ist und hege den tiefen Wunsch im Einklang mit der wundervollen Erde zu leben und ihr Respekt entgegenzubringen.

Als Mutter möchte ich meiner Tochter ein Paradies hinterlassen und keinen Haufen Schutt und Asche. Aber ich möchte auch, dass wir im Hier und Jetzt auf nichts verzichten müssen.

Ich könnte euch hier 10 Tipps für ein nachhaltigeres Leben mit Kind runterrotzen. Aber sein wir ehrlich – die kennt ihr doch längst.

Viel besser ist es doch, wenn ich mir an die eigene Nase fasse und bei mir selbst anfange, anstatt auf Schlaumeier-Art mit Weisheiten um mich zu werfen.

… obwohl – eine hätte ich da …

„Niemand begeht einen größeren Fehler, als jemand, der nichts tut, weil er meint, wenig tun zu können.“ – Edmund Burke

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