Serie: Deutschland ist bunt – Teil 7: Kinderarmut

Wir Eltern sind dafür da, um unseren Kindern dabei zu helfen, die Welt zu verstehen. Manchmal fehlen uns aber selbst die Worte oder die Erfahrungen, um Dinge richtig einzuordnen. Diese Reihe im Barrio-Magazin soll dabei helfen. Dieses Mal geht es um Kinderarmut. Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde. Dennoch leben laut der Bertelsmann Stiftung in Deutschland rund 21 Prozent aller Kinder mindestens fünf Jahre dauerhaft oder immer mal wieder in einer Armutslage. Weitere 10 Prozent leben kurzzeitig in dieser Armutslage.

Als arm gilt in Deutschland, wer mit dem Hartz-4-Satz oder ähnlichem Einkommen auskommen muss. Dieses Geld garantiert zwar eine Grundsicherung, allerdings werden viele Bereiche nicht abgedeckt, die für die Entwicklung von Kindern entscheidend sind.

Was sind die Folgen von Kinderarmut?

Obwohl die allermeisten Kinder mit deutschem Pass materiell versorgt sind, kann ein Leben mit wenig Geld und vielen Geldsorgen dramatische Folgen haben.

Mangelnde Teilhabe und Ausgrenzung

Ein wichtiger Faktor ist dabei die gesellschaftliche Teilhabe. Dabei geht es um Museen, Klassenfahrten, Konzerte und Theaterbesuche. Einige dieser Erlebnisse lassen sich durch Unterstützung und Sozialkassen möglich machen. Allerdings geht mit der Beantragung von Geldern eine gesellschaftliche Stigmatisierung und häufig Scham einher. Die Teilhabe, also das Teilnehmen, ist nicht nur wegen Geldmangel begrenzt, sondern auch durch das Gefühl „nicht dazuzugehören“ und irgendwie anders zu sein.

Armut als Gefühl

Zu den materiellen Engpässen und Sorgen zu Hause kommt also vor allem das Gefühl von Armut, von Andersartigkeit, das vielen Kindern schwer zu schaffen macht. Armut ist also eindeutig ein komplexeres Thema, als man vielleicht auf den ersten Blick denken würde.

Wie sprechen wir darüber?

Gerade weil die Auswirkungen von Armut so unsichtbar sind und weil vieles davon im Ungesagten stattfindet, ist es wichtig, über dieses Thema zu sprechen. Sonst kommt dieses Thema nur in sogenannten Mikroaggressionen in die Oberfläche, die nicht zur Lösung beitragen sondern die Stigmatisierung weiter verschärfen. Denn wenn die reine Menge an Geld nicht der einzige Grund für den Ausschluss von Familien mit geringem Einkommen ist, können wir etwas tun. Wir können unseren Kindern erklären, was es mit Armut auf sich hat, woher sie kommt und was sie für die Lebenswirklichkeit anderer Menschen bedeutet. Erst, wenn unsere Kinder verstehen, wie die Welt um sie herum funktioniert, können sie achtsam handeln.

Über Privilegien sprechen

Ein wichtiger Begriff, wenn es um Armut geht, sind die Privilegien. Gerade in unserer Leistungsgesellschaft wird Reichtum mit Fleiß, Intelligenz und Tugend positiv besetzt, während Armut immer noch unbewusst mit Faulheit gleichgesetzt wird. Das ist schlicht falsch.

So könnt ihr euren Kindern den Begriff Privilegien erklären:

„Nicht jeder Mensch kann alles schaffen. Vieles von dem, was wir haben und können, ist für uns greifbar, weil wir privilegiert sind. Das bedeutet, wir hatten einfach Glück. Das heißt nicht, dass wir uns nicht anstrengen können oder müssen – es heißt nur, dass wir mit der gleichen Anstrengung viel viel weiter kommen können als andere. Ein Privileg ist der Startpunkt im Leben. Und den können wir uns nicht aussuchen.

Gesund zu sein, gesunde Eltern und eine helle Hautfarbe zu haben, sind zum Beispiel Privilegien. Kinder, die das nicht haben, müssen mehr kämpfen. Das ist ungerecht. Deshalb ist es auch nicht fair, von allen Menschen die gleiche Leistung zu erwarten. Unsere Gesellschaft ist aber so gemacht, weil es unheimlich schwer ist, Arbeit zu bewerten. Das kennst du vielleicht aus dem Sportunterricht. Die meisten von euch geben sich richtig Mühe, aber ihr bekommt trotzdem unterschiedliche Noten. Das liegt daran, dass eure Körper unterschiedlich gebaut sind und dass ihr unterschiedlich viel Zeit habt, zu toben und Sport zu machen.“

Wieso es sich lohnt

Auch, wenn es ein sperriges und schwieriges Thema ist, macht es Sinn, mit Kindern über Kinderarmut zu sprechen. Denn unsere Kinder sind Teil der Gesellschaft. Sie erleben in ihrem Alltag Armut und brauchen uns Eltern, um diese komplexe Welt einzuordnen. Ganz besonders diese sperrigen und komplizierten Themen brauchen ein wenig Begleitung. Damit unsere Kinder nicht nur vorurteilsfrei aufwachsen, sondern ihre eigenen Vorurteile von klein auf hinterfragen lernen. Nur so entsteht eine wahrhaft gleichberechtigte Gesellschaft. Und das ist schließlich etwas, für das es sich lohnt, das ein oder andere schwierige Gespräch zu führen.

Josephine Bernstein

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Beitragsfoto: Josephine Bernstein

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