Wir Eltern sind dafür da, um unseren Kindern dabei zu helfen, die Welt zu verstehen. Manchmal fehlen uns aber selbst die Worte oder die Erfahrungen, um Dinge richtig einzuordnen. Diese Reihe im Barrio-Magazin soll dabei helfen. Dieses Mal geht es um Alleinerziehende. In Deutschland sind ungefähr 19 Prozent der Eltern alleinerziehend. Das bedeutet, dass die Mütter oder Väter allein mit ihren Kindern im Haushalt leben. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir oder unsere Kinder jemanden kennen, der oder die allein erzieht, ist also sehr hoch.

Wieso sollten wir mit unseren Kindern darüber sprechen?

Wenn so viele Menschen dieses Familienmodell leben, ist es doch eigentlich etwas ganz Normales, oder? Wieso sollten wir trotzdem darüber sprechen?

Kindern Lebenswelten sichtbar machen

Ja, es stimmt. Es gibt viele Alleinerziehende in Deutschland. Wir kennen sie, wir sehen sie, wir grüßen sie vielleicht sogar freundlich auf der Straße. Was wir aber nicht tun, ist, ihre alltäglichen Schwierigkeiten sehen und anerkennen. Genau wie unsere Kinder sehen wir eben Menschen, die ein bisschen anders leben und denken uns nichts weiter dabei.

Aber ist das nicht gerade gut? Die anderen nicht zu bewerten?

Ja und nein. Wenn wir die Schwierigkeiten anderer nicht benennen, verschließen wir unsere Augen vor ihrer Lebensrealität. Wenn wir nicht hinschauen, können wir kaum achtsame und liebevolle Mitmenschen sein. Wenn wir Ungerechtigkeiten nicht sehen (wollen), können und werden wir auch nichts dagegen tun.

Über Privilegien

Fakt ist: Alleinerziehende haben es verdammt schwer in Deutschland. Und dabei geht es nicht allein darum, dass die Verantwortung für ein oder mehrere Kinder und das Einkommen auf den Schultern einer Person lastet. Es geht um eine zusätzliche steuerliche Belastung. Um ein Leben ohne wirkliche Pausen und um viele, viele Vorurteile, mit denen Alleinerziehende jeden Tag kämpfen müssen. Wenn wir schon an der Belastung und strukturellen Benachteiligung nichts ändern können, können wir wenigstens hinschauen. Und wir können unseren Kindern aufzeigen, wie wahnsinnig unterschiedlich die Leben anderer Menschen sind. Nur so haben unsere Kinder eine Chance, die Welt um sich herum zu verstehen und Unterschiede wahrzunehmen, ohne zu werten.

Wie geht das nun konkret?

Konkret bedeutet das, dass wir unseren Kindern erklären, dass es ganz viele unterschiedliche Arten von Familien in Deutschland gibt. Und dass jede Art zu leben für jeweils unterschiedliche Menschen passt. Wir können erklären, dass das ein bisschen ist wie mit der Lieblingsfarbe oder dem Lieblingscafé. Jeder Mensch mag ein bisschen was anderes. Wir sollten aber auch erklären, dass für manche Menschen die Lieblingsfarbe leider aus war oder mit der Zeit verblasst ist. Wir sollten klar machen, dass manche Dinge den Menschen einfach passieren, obwohl sie sich das anders wünschen würden. Und das ganz ohne eigene Schuld.

Manches ist ungerecht

Wir können sagen, dass es Alleinerziehende gibt, die sehr glücklich mit ihrem Lebensweg sind und andere, die eigentlich einen anderen Plan hatten. Wir können erklären, dass das bei anderen Familienkonstellationen genauso ist. Der Unterschied bei Alleinerziehenden ist allerdings, dass sich wohl keine Mama und kein Papa aussuchen würde, im Verhältnis mehr Steuern an Deutschland zu zahlen als eine klassische Familie. Keine alleinerziehende Person hat sich gewünscht, weniger Geld verdienen zu können, weil sie weniger Zeit zum Arbeiten hat als Paare, die sich die Kinderbetreuung teilen. Wir können erklären, dass es einen Unterschied gibt zwischen persönlichen Entscheidungen und den Regeln des Landes, in dem wir leben. Letztlich werden wir erklären müssen, dass in Deutschland leider einiges ungerecht läuft. Denn erst, wenn wir die Dinge klar benennen, können wir daran arbeiten, sie zu verändern. Nur, wer sich einmal in die Lebenswelt anderer hineingedacht hat, wird sich vielleicht einmal dafür einsetzen, diese zu verbessern.

Was hilft gegen Weltschmerz?

Und wenn diese Gespräche unsere Kinder traurig stimmen? Dann erklären wir, dass diese Trauer normal ist und dass sie zeigt, dass unsere Kinder einen guten inneren Kompass haben. Wir können zeigen, wie und wo unsere Kinder konkret etwas gegen diese Ungerechtigkeit tun können. Sie könnten planen, Politiker zu werden und bessere Entscheidungen zu treffen. Sie könnten das Kind unserer alleinerziehenden Freundin regelmäßig zum Spielen einladen. Sie könnten letztlich dazu beitragen, dass unser Land gerechter für Alleinerziehende wird – und damit für uns alle.

Josephine Bernstein

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