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Juli 24, 2020 9:00 am

Mrs. FamilyPunk schreibt: Beziehung vor Erziehung

Warum “Beziehung vor Erziehung” auch bei den eigenen Eltern gilt

In der Hochphase der Corona-Maßnahmen Mitte Mai war ich eine Woche mit unseren drei Jungs im Alter von 5, 5 und 3,5 Jahren bei meinen Eltern. Nach wochenlangem Lockdown war das Ansteckungsrisiko gering und wir hatten – wie so viele andere – einen Tapetenwechsel nötig. Wir alle freuten uns auf eine kleine Auszeit vom Corona-Alltag. 

Mit Arbeit im Gepäck zu den eigenen Eltern

Es war leider keine Woche Urlaub geplant. Ich wollte & sollte arbeiten und meine Eltern hatten lieberweise angeboten, die Betreuung der Jungs zu übernehmen. Das machen sie auch zu normalen Zeiten sehr zu unserer Freude mindestens eine Woche im Jahr, meistens auf einem Bauernhof. Ich schätze mich sehr glücklich, dass die beiden (wie auch meine Schwiegereltern) die gesamte Rasselbande super betreuen können. Dieses Mal hatte ich aufgrund der besonderen Situation – wichtige Abgabe am Anfang und wichtiger Termin am Ende der Woche – mit meinen Eltern darüber gesprochen, wann und wie viel ich arbeiten müsse. So weit, so gut – dachte ich. 

Wenn Mama zum “Störfaktor” wird

Meine Eltern waren es allerdings gewöhnt, die Jungs alleine für sich zu haben – ohne das Element “eigene Tochter” und “Mutter der Kids” in der Gemengelage. Meine Anwesenheit führte zu einem gewissen, nun ja, Konfliktpotenzial. Die Jungs hielten sich weder an das, was Oma und Opa mit ihnen vereinbarten, noch an die Routinen von zu Hause. Wie heißt es so schön: meine Kinder hören aufs Wort. Nur nicht auf meines.  Dabei hatte ich es mir recht einfach, vielleicht zu einfach vorgestellt: die Kids bei meinen Eltern, ich im Arbeitszimmer. Das funktionierte auch immer wieder super und ich konnte stundenweise ungestört arbeiten, während die Jungs im Garten oder unterwegs waren. Meine Eltern kümmerten sich auch ums Kochen und so fühlte es sich dann doch ein bißchen wie Urlaub an.

Was zu Hause funktioniert, funktioniert bei den eigenen Eltern nicht unbedingt

Womit ich aber nicht gerechnet hatte: es ist echt schwierig für alle Beteiligten, wenn unterschiedliche Erziehungsansätze, Lösungsvorstellungen und Bedürfnisse aufeinander treffen. Das äußerte sich zum Beispiel am Thema Arbeitszimmer: mal war es ok für mich, dass die Jungs zu mir ins Arbeitszimmer kamen und dort kurz spielten, mal brachte ich sie entnervt nach unten, weil ich mitten im Telefonat steckte und drückte sie meinen Eltern in die Arme. Meine Eltern hätten hier eine ganz klare Ansage gewünscht – ich habe einfach nur das Homeoffice-Modell von zu Hause auf den neuen Kontext übertragen. Dort stehen die Türen immer offen und wir kümmern uns situativ flexibel.

Konflikte werden schnell “schnell”

Und natürlich war das nicht das einzige Beispiel. Während die Jungs die Zeit bei Oma und Opa in vollen Zügen genossen, knirschte es etwas im Gebälk zwischen meinen Eltern und mir. Leider weitgehend unausgesprochen. Am Freitagabend nach einer langen Woche war das Fass dann voll. Während die Kids gerade mit den Nachbarskindern zwischen den Apfelbäumen unterwegs waren (klingt idyllisch, war es für die Kids bestimmt auch), brodelte es zwischen meinem Vater und mir.  Es wurde lauter, es wurde emotionaler und irgendwann sagte mein Vater, wir hätten diametral entgegengesetzte Erziehungsphilosophien. Ich weiß bis heute nicht, wie wir an diesem Punkt gekommen waren (er übrigens auch nicht) und warum genau dieser Kommentar mich so sehr verletzte. 

Auf jeden Fall beschloss ich, that’s it, brach das Gespräch ziemlich emotional, aber irgendwie gefasst ab mit dem Wunsch nach Fortsetzung zu einem anderen Zeitpunkt. Ging die Kinder draußen einsammeln, was sehr mühsam war, brachte sie, dickköpfig, wie ich nun mal sein kann, allein ins Bett (auch eher mühsam) und fuhr am nächsten Morgen, einen Tag früher als geplant ab. 8 Stunden später standen wir vier ziemlich k.o. vor der eigenen Haustür.

Beziehung vor “Erziehung”

Wieder zu Hause angekommen, ging der normale Corona-Alltag wieder los, aber irgendwie wollte mich der Konflikt nicht loslassen. Mitte Juni hatte mein Vater Geburtstag. Lange habe ich überlegt, ob ich etwas schreiben oder telefonisch gratulieren sollte. Am Ende habe ich geschrieben und bei allem Ärger das ausgedrückt, was darunter lag: dass ein solcher Konflikt nicht an den Grundfesten unserer sehr guten Beziehung rütteln sollte. Er schrieb zurück, dass er das genauso sehe und somit waren wir in Bezug auf unsere Verbindung zueinander und die Möglichkeit zum Austausch wieder auf sicherem Eis. Puh, ich war echt erleichtert.  In den Wochen darauf führten wir viele Gespräche. Über alles, nur nicht über die Woche im Mai: Der nächste Bauernhofaufenthalt wurde geplant (nur meine Eltern und die Kids!), die Corona-Lage in den USA erörtert (mein Bruder lebt dort zur Zeit), Rat zum Thema Basilikum und Tomaten vereinzeln ausgetauscht und meine Eltern lasen den Jungs an vielen Abenden via iPad vor.

Face the tiger

Ich hätte es versanden lassen können. Aber mich ließ der Satz “Face the Tiger” nicht los und ich dachte: wenn ich es jetzt nicht emotional kläre für uns beide, dann verschenken wir etwas. Eine Möglichkeit, uns im Guten, in ruhiger Atmosphäre, lange nach dem eigentlichen Konflikt über etwas auszutauschen, was immer noch zwischen uns steht. Im Juli, knapp 2 Monate nach der besagten Besuchswoche, habe ich mir also ein Herz gefasst und wir hatten unser  familiäres “Telefondate”.  Bei allen Unterschiedlichkeiten in unseren Ansätzen, die mir ja auch bewusst waren, ging es mir vor allem um die Beziehung zu meinen Eltern. Ich wollte kein Recht und Unrecht definieren, denn ich weiß, dass meine Kids bei meinen Eltern super aufgehoben sind. Dass sie sich in den Wochen, in denen sie sie sehen, die Beine für sie ausreißen. Und dass meine Kids schon sehr gut unterscheiden können, was bei Oma & Opa geht, was zu Hause nicht geht und anders herum.  Es war ein gutes Gespräch. Wir haben einiges geklärt, Bedürfnisse erörtert. Nein, wir sind weiterhin nicht 100% einer Meinung, wie man die Jungs bewegt, etwas zu tun, worauf sie keine Lust haben. Aber wir haben jetzt eine gute Basis für die nächsten Besuche und wissen: früher reden. Mehr reden. Denn auch im Umgang mit den eigenen Eltern gilt: Beziehung vor “Erziehung”.

Über FamilyPunk

Jutta ist einer der beiden Köpfe hinter FamilyPunk, dem digitalen Coach für Eltern. Wir von FamilyPunk verstehen uns als Parent Empowerment Company: wir wollen das Bild, das Eltern von sich selbst haben und dass die Gesellschaft von ihnen hat, positiv beeinflussen. Wir sprechen mit Eltern, wir hören ihnen zu und diese Gespräche sind die Basis für die Entwicklung unserer digitalen Produkte und Angebote.

Mehr zu Beziehung vor Erziehung im Umgang mit den eigenen Kindern hier >> 

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Autorin: Dr. Jutta Merschen, Co-Founder & CEO FamilyPunk

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Beitragsfoto: Dr. Jutta Merschen

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