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Januar 13, 2020 9:00 am

Pille absetzen

Am Anfang war es sehr schwierig

Ich habe mit 18 Jahren mit der Pille angefangen. Nicht weil ich sie zu diesem Zeitpunkt zur Verhütung brauchte, sondern weil ich nicht mehr konnte. Ich hatte so schlimme Schmerzen, dass ich weder sitzen, laufen, liegen, stehen konnte. Nichts half, außer eine sehr hohe Dosis Schmerztabletten. Hinzu kam eine furchtbare Unregelmäßgikeit, von zwei Wochen bis zehn Wochen Zyklen und sehr starke Blutungen. Meine Frauenärztin fand keinen Grund für meine Probleme und meinte, wir könnten es ja mal mit der Pille versuchen. Und mit der Pille waren meine Probleme tatsächlich einfach weg.

Die Vorteile lagen auf der Hand

Gesundheitlich ging es mir viel besser, ich vertrug die Pille anfangs auch super und hatte keine Nebenwirkungen. Und natürlich macht es das Leben einer Anfang 20-Jährigen, die die Welt entdecken möchte, um einiges einfacher. Da passt dir die Pillenpause nicht? Dann macht halt einfach mal keine, sondern nimm die Pille für 2 Steifen durch. Laut meiner Frauenärztin auch überhaupt kein Problem. Wie oft ich an meinem Zyklus rumgespielt habe, weiß ich heute schon gar nicht mehr. 

Die Probleme kamen mit der Zeit

Jede Pillenpause hatte ich plötzlich Pickel, nervige, tief sitzende und schmerzhafte Pickel. Irgendwann kamen dann Kopfschmerzen in der Pause hinzu. Vom Nacken bis zur Stirn war ich mindestens einen Tag mit stechenden Kopfschmerzen außer Gefecht gesetzt. Meine Frauenärztin riet mir damals einfach keine Pausen mehr zu machen, die Pille durchzunehmen. Ich fing an mir Gedanken zu machen. Gar keine Pausen mehr? War das gesund? Zeigte mir mein Körper mit den Symptomen nicht, dass etwas nicht stimmte? 

Plötzlich war die Pille wieder ein Thema im Freundeskreis

Wir alle nahmen sie, viele, wie ich, schon von sehr früh an aus gesundheitlichen Gründen. Und plötzlich, wie ein leises Wispern, fing man wieder an, darüber zu reden. Welche nimmst du denn? Oh, das ist aber eine aus der bösen dritten Generation, vielleicht solltest du wechseln? Wir fingen an, Artikel zu lesen, uns mehr zu informieren. Einige wechselten die Pille, andere hörten ganz auf. Ich hatte immer Bedenken. Was wenn die Schmerzen wieder kamen? Was wenn ich eine neue Pille noch schlechter vertrage? Es war ja alles gut bisher. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon fast 9 Jahre die Pille durchgenommen.

Die Sorgen wurden immer größer

Ich konnte Nachts immer öfter schlecht einschlafen, da ich ein merkwürdiges Gefühl in meinen Beinen hatte. Ob es wirklich da war oder ich mich nur selber ein bisschen wahnsinnig gemacht habe, weil ich so viele Berichte zu meiner Pille gelesen habe, kann ich jetzt nicht mehr sagen. Aber ich hatte tatsächlich oft Angst, in der früh nicht mehr aufzuwachen. Ich sprach wieder mit meiner Frauenärztin über meine Sorgen und wurde wieder mit den Worten „Ich würde die Pille nicht absetzen oder wechseln, die Schmerzen kommen ganz sicher wieder!“ abgespeist und heim geschickt.

Auf den eigenen Körper hören

Aus Gesprächen mit Freunden wusste ich, was mich erwarten könnte, wenn ich die Pille absetze. Ich wusste, dass es nach den 10 Jahren dauern wird, bis sich mein Körper wieder eingespielt hat. Viele sagten mir, dass ich vermutlich viel Geduld mitbringen müsste. Und dann tat ich es. Entgegen der Empfehlung meiner Ärztin setzte ich die Pille ab und wartete. Ich beobachtete, horchte in mich und blieb geduldig. Und dann kam der erste Eisprung. Ich verstand gar nicht, was und woher der Schmerz kam. 10 Jahre ohne Eisprung und davor hatte ich ihn auch noch nie gespürt. Ein unglaublich komisches Gefühl und am Anfang auch super beängstigend, weil ich den Schmerz nicht einordnen konnte.

Langsam geht es vorwärts

Das ist jetzt 3 Jahre her. Ich bereue keine Sekunde. Ich kenne meinen Körper nun so viel besser, als ich ihn je zuvor gekannt habe. Ich weiß, wann sich was bei mir ankündigt. Ich habe keine schlimmen Schmerzen mehr, ich habe keine Pillenpausenkopfschmerzen mehr, das Gefühl in meinen Beinen ist weg. Zwei Monate nach Absetzen löste sich plötzlich eine Wolke aus meinem Kopf, von der ich gar nicht gewusst habe, dass sie da war. Ich hatte plötzlich das Gefühl wieder glücklich sein zu können, als wäre eine Last von meinen Schultern gefallen. 

Es ist noch nicht alles zurück aus Normal

Einen „normalen“ 28 Tage Zyklus habe ich bisher noch nicht erlebt. Aber ich näher mich langsam an. Schritt für Schritt. Und vielleicht ist mein Körper auch kein „normaler“ Typ. Denn regelmäßig ist mein Zyklus. Nicht wie ihn die Schulmedizin definiert, aber ich kann mich darauf verlassen. Und das reicht mir völlig aus. Den einzigen Nachteil, den das Absetzen mit sich brachte, waren die Pickel. Ich hatte plötzlich ganz viele kleine schmerzhafte Entzündungen im Gesicht. Da ich auch immer wieder mit Allergien zu kämpfen habe, war die Suche nach den für mich richtigen Pflegeprodukten echt schwierig und mühselig. Ich habe viel ausprobiert, meine Ernährung angepasst, Kräutertees versucht, Pflegeprodukte gewechselt. Jetzt habe ich endlich etwas gefunden, was mir hilft. Seit 5 Monaten heilt meine Haut, die Narben verblassen langsam.

Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ich habe ein Jahr nach meinem Absetzen meiner Frauenärztin erzählt, dass ich den Schritt gegangen bin. Das es mir gut geht, dass ich nichts bereue. Sie wollte mir gleich wieder etwas zur Verhütung verschreiben. Ich habe den Frauenarzt gewechselt. Diese wollte mir für meine Pickel die Pille verschreiben. Ich bin gegangen und habe mir geschworen, dass ich alles tun werde, um nie mehr die Pille nehmen zu müssen. Ich möchte nie mehr Nachts im Bett liegen und überlegen müssen, ob ich gerade eine Thrombose erleide. Ich möchte nie mehr diese dunkle schwarze Wolke in meinem Kopf haben, die sich dort klamm heimlich eingeschlichen hatte. Ich suche gerade immer noch einen Frauenarzt, bei dem ich nicht als erstes höre „Ich würde dafür die Pille verschreiben“. Einen Frauenarzt, der meinen Körper so respektiert, wie er ist, ob er nun der Norm entspricht oder nicht. Denn das wichtigste ist doch, dass es mir damit gut geht, oder?

Wir danken der anonymen Einsenderin für den wichtigen Beitrag.

Beitragsfoto: Von Image Point Fr shutterstock.com

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