Es ist 20 Uhr. Zeit, Leon ins Bett zu bringen. Heinrich, mein Mann, sieht mich an.

„Wird es gehen“? fragt er besorgt.

„Natürlich wird es gehen“ sage ich. Dass Heinrich immer so besorgt ist wegen diesem Ins-Bett-bringen ist wirklich nervig. Als würde er mir nicht zutrauen meinen Sohn ins Bett bringen zu können. Lächerlich. 

Wie jeden Abend gehen Leon und ich zunächst nach oben, um die Zähne zu putzen und dann den Pyjama mit den Drachen anzuziehen. Dann gehen wir in sein Zimmer. Leon holt sein Gutenachtbuch heraus, legt sich ins Bett, und sieht mich mit großen Augen an. Dann lege ich mich neben ihn und er legt sein Köpfchen auf meine Schulter. Ach, es ist großartig, Mutter zu sein. 

Das aktuelle Gutenachtbuch heißt: „Emmas Picknick“ und es handelt von der kleinen Emma, die ein Picknick im Wald macht und der die Tiere die ganzen Picknicksachen wegessen, also das Pferd die Brote, die Katze die heisse Schokolade, der Fuchs die Kekse und die Ziege am Ende den Picknickkorb. Nachdem alles aufgegessen worden ist, werden sie vom Schwan geschimpft und organisieren reuevoll ein neues Picknick. Dann gehen alle unter einem Baum, essen zusammen und sind glücklich.

„Noch mal!“ bettelt Leon.

„Nein, jetzt müssen wir schlafen“ sage ich und lege das Buch weg.

„Bittäääää!! Lesäääääään“ sagt Leon.

Ich sehe ihn an. Kann man es in unseren Zeiten wirklich verantworten, einem Kind Bücher vorzuenthalten? Ich hole das Buch hervor. Wieder machen sich die Katze, der Fuchs und die Ziege über Emmas Picknick her, was mich müde, Leon aber anscheinend hungrig gemacht hat. 

„Ich will Müsli!“ sagt er.

„Wie bitte?“ frage ich.

„Müsli!“ sagt Leon.

„Auf keinen Fall!“ sage ich. „Du hast doch schon Zähne geputzt, außerdem ist es spät und du musst ins Bett!“ 

„Ich habe Huuuuunger!“ sagt Leon. Er fasst sich an den Bauch, wirft sich aufs Bett. „Hungääääääär“ schreit er.

Mein armer Sohn. Soll ich ihn etwa hungrig ins Bett gehen lassen?

„Also gut“ sage ich. „Aber ganz schnell!“

Wir gehen nach unten und stelle Leon eine Schüssel mit Müsli und Milch hin. Mein Mann sieht mich fragend an.

“Was ist?” frage ich achselzuckend. “Er hat Hunger“ 

Mein Mann sagt nichts.

Dann holt sich Leon eine zweite Portion Müsli. Leider fällt dabei die Schüssel um und die Milch ergießt sich auf Leons blauen Drachen-Pyjama. Leon schreit und wir gehen nach oben ins Bad, wo ich ihm den Drachenpyjama ausziehe. Als ich ihm einen anderen Pyjama anziehen will, schüttelt er heftig mit dem Kopf.

„Neiiiiin“ sagt Leon.“ Ich will den Drachenpyjama!“

„Die Drachen sind schmutzig. Ich muss sie waschen. Morgen sind sie wieder sauber und du kannst sie wieder anziehen.“

„Ich will die Drachääääään“ sagt Leon und stampft mit dem Fuß auf.  

Ich blicke auf die Uhr. Es ist 21: 30. Leon ist unterdessen vor lauter Schreien rot angelaufen. Wie um Himmel willen soll er so einschlafen? Kurzentschlossen reiße ich ihm den Pyjama aus der Hand, werfe ihn ins Waschbecken und mache ihn sauber. Dann nehme ich den Handföhn. Langsam fallen mir die Augen zu. 

Irgendwann gegen 22 Uhr ist der Pyjama trocken.

Jetzt zieht Leon den Pyjama an. Müde schleppe ich mich in Leons Zimmer.

 „Und jetzt :„Emmas Picknick“!“ fordert er.

„Was?“ sage ich. „Auf keinen Fall. Wir müssen jetzt schlafen. Ich muss schlafen, ich bin müde, ich habe einen anstrengenden Tag morgen, ich….“

Jetzt schiebt Leon seine Unterlippe vor und gibt dieses leise, wimmernde Geräusch von sich, genau das gleiche, das er als Baby immer gemacht hat.  Bin ich ein Unmensch? Habe ich ein Herz aus Stein? 

Ich lege mich wieder neben ihn. Und wieder macht sich Emma ein neues Picknick. Und wieder wollen sich die Tiere über ihr Pickick hermachen, nur mit dem Unterschied, dass ich diesmal einzelne Tiere einfach auslasse, um schneller voran zu kommen. 

Leider kennt Leon die Geschichte unterdessen zu gut, um es nicht zu bemerken.

„Du hast das Pferd vergessen“ sagt er streng. “Und die Ziege!”

Ich schrecke zusammen. Habe ich eben versucht mein eigenes Kind zu betrügen? Wie erbärmlich von mir. Freiwillig fange ich wieder von vorne an. Die Müdigkeit ist nun ganz verflogen. Angeblich sollen Menschen, die längere Zeit nicht schlafen, irgendwann das Bedürfnis nach Schlaf nicht mehr verspüren. Stattdessen sollen sie rauschhafte Zustände und sogar sprituelle Erleuchtungen erleben. Wie auch immer. Jedenfalls bin ich jetzt hellwach und verspüre seltsamerweise nur noch einen einzigen Wunsch und das ist diese Geschichte zu lesen. Als Leon am Ende der Geschichte immer noch nicht eingeschlafen ist, fange ich unaufgefordert einfach wieder von neuem an. Der Korb wird leergegessen, wieder gefüllt und wieder leergegessen. Irgendwann ist Leon eingeschlafen. Was aber keinen Unterschied macht. Die Tiere müssen weiteressen, der Korb muss erst gefüllt, dann geleert und dann wieder gefüllt werden. Und überhaupt: Ist es nicht das, worauf es im Leben ankommt? Ich meine, muss nicht jeder von uns seinen Korb immer wieder leeren, und ihn dann wieder zu füllen, um so Teil eines ewigen Kreislaufs zu werden? Was für eine erhebende Erkenntnis.

Es ist jetzt vier Uhr morgens. Bestimmt schläft Heinrich schon. Wie gerne würde ihm die tiefe Bedeutung der Geschichte von Emma und dem Picknick erzählen, aber ich glaube, er würde es nicht verstehen. 

Ach, es ist großartig, eine Mutter zu sein. 

Danke, liebe Nathalie. Wir lieben deine Geschichten.

Ihr wollt mehr von Nathalie lesen? In ihrem Buch: „Der Tag, an dem Mama die Krise kriegte“, gibts noch viel mehr.

Nathalie Weidenfeld studierte amerikanische Kultur- und Literaturwissenschaft und promovierte an der FU Berlin. Sie hat drei Kinder, einen Mann, einen großen Hund und zwei Katzen. Darüber hinaus schreibt sie Romane, Sachbücher und Kolumnen über den täglichen Familienwahnsinn.

******************

Diesen und weitere interessante Artikel findest du in der Barrio App. Hast Du schon? Super! Ansonsten: Hole dir dort Inspiration für
Freizeitaktivitäten, verabrede dich in der App mit Eltern in deiner Nähe zu Playdates. Und finde dort außerdem Gutscheine und andere Vergünstigungen. Jetzt App installieren
: bit.ly/barrio-app