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Mai 16, 2019 9:00 am

Schwanger und verlassen

Es geht uns gut

„Ich bin schwanger.“ Drei Worte, die uns zerstören. Drei Worte, die einmal ausgesprochen, eine Kraft entwickeln, die ich mir selber nicht hätte vorstellen können. Drei Worte, die all unsere Momente in dunkle Erinnerungen zerrt und zu wertlosen Fetzen einer Episode unseres Lebens werden lassen.
Minuten zerfließen in unseren Blicken, geprägt aus Angst, Verzweiflung und Wut. Ich sehe dich und sehe dich nicht. Dein Mund formt Worte, die du nicht aussprichst. Dein Blick auf mich ändert sich erschreckend schnell und obwohl du versuchst du die Form zu wahren, den Anschein zu erwecken, es gäbe hier noch was Gutes zu retten, spüre ich, wie du mir die Schuld gibst. Ja, Schuld – wir werden viel darüber sprechen. Heute, morgen und immer wieder. Wer wann nicht aufgepasst hat, wer wann rücksichtslos war und wer wann gelogen hat. Und einfach so – ganz leise und irritierend still verlieren wir uns irgendwo in diesem Moment, deren Zeit endlos erscheint.

Sorry, sweetheart

Du willst keine Kinder. Dachte ich mir. Ich wollte auch keine – nicht mehr. Und allen Vorurteilen zum Trotz kann es auch Frauen passieren, dass sie plötzlich Mutter werden. Weil der Uterus für lange Zeit im Streik, weil kein passabler Partner vor Ort war – und sorry, sweetheart, du warst nicht mal unter den Top 5, wenn ich es mir hätte aussuchen können. Und dennoch – ich kann den Weg nicht mitgehen, den du mir vor die Füße wirfst. Ich kann dein Problem nicht zu meinem Problem machen, indem ich dieses Kind nicht kriege. Warum?
Du sagst, du wirst nicht da sein. Gut, ich will dich nicht. Du sagst, du wirst – was immer da aus mir rauskommt – nicht treffen wollen, kennen wollen, lieben wollen. Niemals. Nadelstiche treffen mein Herz. Ich atme durch und dennoch sage ich: Gut, ich will dich nicht. Du sagst, du wirst zahlen, mehr nicht. Gut, sage ich. Dann stehst du auf und gehst. Die Tür fällt ins Schloss und ich hoffe, dass mit dir die Hölle, die diesen Raum mit Eiseskälte befüllte, nun verlässt.

Ich bleibe schwanger

Ich bleibe schwanger. Wir streiten und sprechen nur noch über Anwälte. Ich weine oft und hoffe, dass mein kleiner Zwerg dennoch bemerkt, dass es Menschen gibt, die sich auf ihn freuen. Oma und Opa, Tanten und Onkel, Freunde, die wie Familie sind und sein Bettchen aufbauen, die Wände streichen und mir sanft über den Bauch streicheln, wenn ich es gerade nicht kann.
Ich kann nicht glauben, mit welcher Härte du mir gegenüber trittst. Mit jedem Treffen weiss ich nochmal weniger wer du bist. Da helfen selbst 25 Jahre nicht. Ich bin sicher, in deiner Welt macht dein Verhalten Sinn. In meiner Welt erntest du Kopfschütteln und Tränen, Wut und ab und an sogar Mitleid. Wir sprechen nicht – das machen unsere Anwälte. Die regeln alles – von Geburt an bis hin zum 18. Geburtstag. Wir schauen uns irgendwann nicht mal mehr an. Schweigend ertrage ich. Schweigend bestrafe ich dich und schweigend gehe ich. Denn vergiss nicht- ich brauche dich nicht.

Nichts gab mir so viel Halt wie mein Kind

Ich war schwanger und es interessiert dich nicht. Mein kleiner Zwerg ist jeden Tag, jeden Zweifel und jeden mutlosen Moment wert gewesen. Nichts gab mir jemals soviel Halt wie mein Kind. Es ist schade, dass du das nicht erlebst, erleben willst. Wir wachsen mit jedem Tag, wir erleben Hilfe von aussen mit der ich nie gerechnet und die ich, vor Jahren noch zu stolz, sonst ausgeschlagen hätte. Es tut gut ein Dorf zu haben und zu wissen, dass es es gibt.
Es geht uns gut. 18 Monate lang. Und dann einfach so, rufst du an und willst ihn sehen.

Autor: Nicole von  @singlemommunich

Liebe Nicole,  wir danken Dir für diesen ehrlichen unter die Haut gehenden Beitrag. Ein Interview wie es Dir in der Zwischenzeit ergangen ist und wie Du und Dein Sohn mit der Situation umgehen, finden unsere Leser am 19. und 21. Mai hier im Magazin.

Habt Ihr auch etwas Ähnliches erlebt und möchtet uns daran teilhaben lassen, dann wendet Euch an unsere Redaktion

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