Meine Tochter kann es brillant. Für meine Frau ist es so einfach, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Und für mich ist es eine tägliche Herausforderung. Worum geht es? Um die eigentlich einfachste Sache der Welt: Ins Bett gehen. 

Sandmann, lieber Sandmann

Was haben sich vergangene Generationen nicht alles ausgedacht, um Kinder von der Freude und Förderlichkeit des Schlafens zu überzeugen. Da kam die Zahnfee nur, wenn man fest auf dem Kissen schlummerte, unter dem der aktuell ausgebrochene Schneidezahn lag, der Weihnachtsmann kam sowieso nur des Nächtens (wehe, hörst du den dicken Mann durch den Kamin rumpeln!) und der Höhepunkt der einschläfernden Festivitäten war und ist ohne jede Frage der Sandmann. Scheinbar liebevoll in der alten DDR-Kinderserie per Hand animiert, war sein putziges Auftreten nur Tarnung. Kompromisslos in der Sache wie Peter Lustig beim „Abschalten“ nach „Löwenzahn“ hieß es da schon in der Titelmelodie: „Ehe jedes Kind ins Bettchen MUSS.“ Wer würde denn auch einer Fantasiegestalt mit Sandsack, die mit der ganzen Autorität des Vorabendprogramms daherkommt, widersprechen? 

Es ist noch nicht so weit

Ich fand schon als Kind die Vorstellung, dass da ein fremder Mann bei mir durchs Kinderzimmerfenster klettert, nur um mich mit Schlafsand zu beschmeißen, gelinde gesagt befremdlich. Zum Glück war mir recht schnell klar, dass ich nicht wirklich befürchten musste, Wackersteine auf die Augen geworfen zu bekommen. Früh schlafen gehen wollte ich trotzdem nicht. Ich war und bin eine Eule, die ab 17, 18 Uhr zur geistigen Höchstform aufläuft und auch gerne bis zwei Uhr nachts arbeitet, wenn sie weiß, dass sie am nächsten Tag ausschlafen kann. Meinen Eltern (und auch dem Kindergarten, der Schule und anderen staatlichen Autoritäten) war es jedoch verständlicherweise wichtig, dass ich mich nicht die ganze Nacht mit meinen Lieblingsbüchern wachhielt, sondern morgens leistungsfähig zum Frühstück/Morgenturnen/Unterricht erschien. Die Folge: Mir fehlen noch heute ganze Jahrgänge an Erinnerungen, die sich auf die Zeit vor 9 Uhr morgens beziehen. Ab und zu fällt da mal ein Brötchen in den Tee, das wars. Auch wegen dieser Erfahrungen als Kind hatte ich mir geschworen, mein Kind immer selbstbestimmt schlafen gehen zu lassen. Koste es, was es wolle. 

Wir sehen erst den Abendgruß

Also fuhren wir mit unserer Tochter das ganze Programm. Gemütliche, aber routinierte Einschlafbegleitung, aber ohne dabei Zwang anzuwenden. Irgendwie war kein Abend wie der andere. Nächte gab es nur zerrissen, so oft wurden wir wach. Das Familienbett, bei anderen die Traumlösung schlechthin, sorgte bei uns nur für längere Wege, bei denen das Kind auf meinem Unterarm durch die Wohnung fliegend in den Schlaf gebrummt werden musste. Langsam setzte das Grübeln ein. Nicht ein Tipp funktionierte. Machten wir irgendetwas falsch? Hatten (oh Gott) doch alle Recht, die sagten, dass Kinder nicht nur feste, sondern auch möglichst frühe, fremdbestimmte Schlafzeiten brauchten, sonst seien sie einfach nur „überdreht“? Wir machten uns auf in lange Wanderjahre des Zweifelns. Selbst ich Nachteule wäre gern früher ins Bett gegangen als meine Tochter. Als der Mittagsschlaf wegfiel, fanden wir uns für Wochen in einem geistigen Delirium wieder. Im Bereich selbst bestimmt schlafen lernen schienen wir einfach versagt zu haben.

Du hast gewiss noch Zeit! 

Es hat lange gedauert, bis wir verstanden, was uns da passiert war. Meine Tochter ist ein High-Needs-Kind und schläft dementsprechend extrem wenig. Mit ihren derzeit fünf Jahren schläft sie etwas weniger als ein Erwachsener im Durchschnitt braucht. Nächte beginnen bei uns gegen 23 Uhr. Ich habe von anderen Eltern vom Gelobten Land „Nach 8 Uhr Abends“ gehört, war aber selbst noch nie dort. Meine Tochter hat vermutlich den Reisepass ungültig gestempelt. Bevor jetzt Kritik aus der Fraktion „Bevor jedes Kind ins Bettchen muss“ kommt: Am nächsten Morgen springt das Kind putzmunter und immer zur selben Zeit aus dem Bett. Natürlich vor mir.

Morgens putzmunter

Obwohl sie so spät schlafen geht, kann ich mich darauf verlassen, dass sie sich niemals künstlich wachhalten würde. Wenn sie schlafen gehen will, wird eigenständig sogar der Film ausgemacht. Eine Veranstaltung zu verlassen, wenn das Kind müde ist, kann so eine echte Herausforderung sein. Ich hätte nicht gedacht, dass es das Ereignis „Im Stehen einschlafen“ wirklich gibt, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Vom Sandmännchen hat sie vermutlich noch nie gehört, aber ich kenne auch kein Kind, dass ihn weniger nötig hätte. Meine Tochter hat verstanden, wie fantastisch Schlaf ist, und ich bin dankbar, dass wir die Geduld, den Raum und den Glauben an unser Kind hatten, um es selbstbestimmt schlafen gehen zu lassen. Neulich sind meine Frau und ich gegen halb 9 Uhr abends ins Bett gegangen. Das Kind kam schließlich ganz leise nach, kuschelte sich zwischen uns und war in zwei Minuten eingeschlafen. Nimm das, Sandmann!

Olaf Bernstein

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Beitragsfoto: Olaf Bernstein

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