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August 12, 2019 9:00 am

Stille Geburt Teil 2

Eine kleine Kiste, die eigentlich mal eine Schmuckkiste war, haben wir in der Tasche, als wir am nächsten Morgen wieder ins Krankenhaus fahren. Darin wollen wir das Baby mit nach Hause nehmen. Ich habe sie ganz schön gemacht mit Muscheln und Steinen. Mit einem Teil von meinem Brautkleid ausgelegt. Und ein Foto von uns hineingeklebt, damit sie nicht alleine ist. Das gemacht zu haben, gibt mir ein gutes Gefühl. Es ist mir wichtig, dass die Kiste so schön ist. Weil es irgendwie das einzige ist, was ich für sie noch machen konnte.

Das Krankenhaus weist uns aber gleich bei der Ankunft darauf hin, dass wir das Kind aber nicht mit nach Hause nehmen dürfen. Wir haben 48 Stunden Zeit, um uns zu verabschieden, aber dann soll das Kind im Krankenhaus bleiben. Sie sagen uns, wir hätten die Option selbst auf eigene Rechnung einen Bestatter auszusuchen, der sich um die Beerdigung kümmert oder an einer kostenfreien Sammelbestattung teilzunehmen, die das Krankenhaus organisiert. Dafür sollen wir ein Formular unterschreiben, wo wir festlegen, ob wir zu der Trauerfeier eingeladen werden wollen oder nicht. Für uns steht aber fest, dass wir unser Kind selbst beerdigen wollen. Und von meiner Hebamme weiß ich, dass es für Kinder unter 500 g Geburtsgewicht in Berlin keine Bestattungspflicht gibt. Die Schwester auf der Station telefoniert daraufhin mit dem Bestatter, der bestätigt, dass es tatsächlich geht. Ich bin erleichtert und nehme zwei Cytotec-Tabletten, die dann die Geburt einleiten sollen.

Alle acht Stunden soll ich jetzt wieder zwei Tabletten nehmen. Bis zu zwei Tagen kann es dauern, sagt die Ärztin. Zumindest habe ich ein schönes Einzelzimmer mit Vogelgezwitscher. Eine einfühlsame Krankenschwester ist für uns da. Sie sagt: „Der Körper lässt erst los, wenn die Seele bereit ist.“ Ich fühle mich bereit. Oder so bereit, wie ich halt sein könnte. Und so ist es anscheinend auch: Ein paar Minuten nachdem ich die Tabletten genommen habe, bekomme ich starke Bauchschmerzen. Ich hatte ganz vergessen wie sich der Geburtsschmerz anfühlt. Aber da ist die Erinnerung plötzlich wieder ganz klar und deutlich da. Nur weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Das ging alles viel zu plötzlich und ich kann auf nichts, was ich über Atmen und Hypnobirthing gelernt habe, zurückgreifen. Deshalb bin ich auch sehr dankbar für das Schmerzmittel, was die Schwester bringt. Das wirkt wirklich Wunder. Keine Ahnung, was ich bekommen habe, aber auch meine Laune geht deutlich nach oben. Ich spüre zwar noch den Schmerz, aber es ist mir irgendwie egal. Nach einem Spaziergang und einigen Treppenstufen, habe ich richtige Wehen. Und die Blutung beginnt.

Bald darauf fühle ich ein „Knack” in meinem Bauch, was wohl die Fruchtblase war und um 13.50 Uhr wird unsere kleine Lina geboren. Ganz sanft und leise. Zehn Zentimeter ist sie erst groß. Und sie hat wunderschöne kleine Hände.

Zuerst bin ich schockiert, weil es einfach so passiert ist. Drei Stunden nachdem ich die Tabletten genommen habe. Sie nun nicht mehr in meinem Bauch ist. Noch vor ein paar Tagen hat sie darin im Fruchtwasser gestrampelt. Hat sie etwas geahnt? Wann war der Moment, als ihr Herz aufgehört hat zu schlagen? Wie konnte ich das nicht gespürt haben? Die Schwestern nehmen das Kind mit und bringen sie kurz daraufhin wieder. Mein Mann nimmt sie in die Hände. Ich sehe seine Tränen, aber ich bin noch nicht bereit sie anzusehen. Ganz ehrlich gesagt bin ich erst einmal einfach erleichtert, dass der Geburtsschmerz vorbei ist. Meine Gedanken sind bei der Plazenta, denn wenn die nicht innerhalb einer halben Stunde von alleine kommt, sollte eine Ausschabung gemacht werden laut der Ärztin.

Zum Glück drängt mich keiner, als ich nach der halben Stunde sage, ich will der Plazenta noch Zeit geben. Ich habe noch Kontraktionen und das Gefühl mein Körper kann das alleine regeln. Eineinhalb Stunden später wird die Plazenta von alleine geboren und glücklicherweise brauche ich damit dann auch keine Ausschabung mehr. Wir legen Linas kleinen Körper dann in eine Kiste, die wir vorbereitet haben. Chiara, eine Freundin von uns, die auch Fotografin bei dein-Sternenkind ist, kommt vorbei und macht Fotos von ihr. Diese Fotos empfinde ich heute als so wertvoll.

Weil ich weiß, dass ich sie mir auch auf den Fotos noch einmal ansehen kann, kann ich auch am nächsten Tag schon die Beerdigung machen. Wir machen eine schöne Zeremonie im Wald und bedecken sie mit ganz vielen Rosen. Mein Sohn will das Baby auch unbedingt anschauen und es tut gut zu sehen, wie natürlich er damit umgeht. Er ist überhaupt nicht schockiert oder so. Ganz im Gegenteil. Er freut sich und gibt sogar noch einen Kuss auf die Kiste, bevor wir sie in die Erde legen. Zusammen mit seinem Papa schaufelt er das Loch wieder zu.

Ich bin dankbar dafür, dass am nächsten Tag die Hebamme vorbeikommt. Wir erzählen ihr von der Geburt und reflektieren es mir ihr. Dieses Gespräch hat mir wirklich sehr geholfen einiges zu verstehen und besser zu verarbeiten. Und ich nehme mir Zeit. Ich will nicht einfach ein paar Tage später wieder zum Alltag übergehen. Meinem Körper geht es schon wieder richtig gut, aber meine Seele braucht noch Zeit das alles zu verarbeiten. Mein Kopf hat verstanden, dass es nicht meine Schuld war. Aber tief in mir drin plagen mich noch Zweifel, ob es nicht doch irgendetwas gegeben hätte, was ich anders hätte machen können. Auch wenn ich weiß, dass das nichts ändert. Es braucht eine Zeit, bis mir bewusst wird, dass ich mich als Versagerin fühle. Vielleicht habe ich deshalb Angst den Satz „Ich bin nicht mehr schwanger“ auszusprechen. Alle Welt scheint das hinzukriegen mit dem Schwanger-sein. Nur ich nicht. Ich hatte doch versucht alles richtig zu machen. Meine Vitamine genommen, bloß keinen Stress zugelassen und zum Yoga bin ich auch gegangen. Wie kann denn so etwas trotzdem passieren? Das Kinderkriegen lässt sich einfach nicht planen. Es folgt nicht der Regel: Ich bereite mich gut vor und dann zum Zeitpunkt X, den ich festlege, passiert es. Egal, ob wie sehr ich mich anstrenge oder wie sehr ich versuche es besser zu machen als andere. Hier wird mir einmal wieder bewusst, wie unkontrollierbar das Leben ist.

Und das ist doch auch gut so. Wie viele schöne Dinge entstehen, obwohl es eigentlich alles ganz anders geplant war?! Ich vertraue Lina, wenn sie sagt, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war. Und trotzdem vermisse ich sie und kann es kaum erwarten bis sie wiederkommt.

Auf meiner Website findet ihr meine Kontaktdaten. Falls ihr vielleicht auch ganz akut betroffen seid und mehr Fragen habt oder Bilder sehen möchtet, könnt ihr mich gerne auch direkt per Whatsapp anschreiben. Und über Nachrichten und Austausch freue ich mich auch sehr.

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Liebe Lena, wir danken Dir von Herzen für Deinen wertvollen Beitrag, der für andere Muttis so wichtig ist.

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