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August 11, 2019 9:00 am

Stille Geburt

Ich gehe mit gesenktem Kopf in die Kita, um meinen Sohn abzuholen. In der Hoffnung, dass mich niemand anspricht. Hat es sich schon rumgesprochen? Ich weiß es nicht. Aber ich habe Angst, dass irgendwann jemand, der es noch nicht gehört hat, etwas über meine Schwangerschaft sagt. Und ich dann antworten muss: „Ich bin nicht mehr schwanger.“

Wir waren voller Vorfreude

Als ich in der 13. Schwangerschaftswoche und mein Bauch nicht mehr zu übersehen war, haben wir es auch allen, die wir nicht so gut kennen, erzählt. Eine Woche später habe ich eine Vorsorge-Untersuchung bei meiner Frauenärztin. Mein Mann und ich schauen voller Vorfreude auf den Monitor vom Ultraschallgerät. Wir sind gespannt, ob wir heute vielleicht sogar schon das Geschlecht erfahren können. Wir sind nicht darauf vorbereitet, was wir stattdessen auf dem Bildschirm sehen. Der Körper von unserem Baby ist ganz klar zu erkennen, doch keinerlei Bewegung. Kein Herzschlag. Unsere Welt steht still und bricht zusammen in diesem Moment. Das hatte ich nicht erwartet. Jetzt doch nicht mehr.

Unsere Welt steht plötzlich still

Die Ärztin erklärt uns ganz einfühlsam, was nun zu tun ist. Das Kind ist schon so groß, dass ich für eine Geburt ins Krankenhaus muss. Eine stille Geburt, weil das Kind nach der Geburt nicht schreien wird. Gerade eben war unsere Welt noch in Ordnung. Und jetzt soll ich ins Krankenhaus fahren für eine Geburt?

Es ist erst am nächsten Tag möglich im Krankenhaus einen Termin zu bekommen. Ich liege die ganze Nacht wach und hoffe irgendwie, dass das alles nur ein Albtraum ist, aus dem ich gleich wieder erwache. Morgen früh fahren wir also ins Krankenhaus? Dann kriege ich mein Kind. Ich habe keine Vorstellung, wie die Geburt ablaufen könnte. Wie wird das Kind aussehen? Wird es schmerzhaft? Weil ich glaube, dass es mir in dieser Situation sehr geholfen hätte, mehr Informationen dazu zu finden, schreibe ich diesen Bericht hier.

Ich will jetzt alles nur noch hinter mich bringen

Als wir am nächsten Tag im Krankenhaus sind, macht die Ärztin einen weiteren Ultraschall, der lange dauert und sehr unangenehm ist. Jetzt im Nachhinein frage ich mich, warum das nötig war und ich nicht gefordert habe, damit aufzuhören. Schon nach ein paar Sekunden bestätigt sie, dass unser Kind nicht mehr lebt. Bis zu diesem Moment hatte ich noch die Hoffnung auf ein Wunder. Ich will jetzt alles nur noch schnell hinter mich bringen. Doch so schnell, wie ich gehofft habe, geht es nicht. Ich bekomme eine Abtreibungspille. Die soll den Gebärmutterhals weich machen und auf die Geburt vorbereiten. Erst zwei Tage später soll ich wiederkommen für die Geburt. Dann werde ich Cytotec bekommen: Tabletten, die die Wehen einleiten sollen. Ich fühle mich extra bestraft, weil ich jetzt auch noch zwei weitere Tage warten muss. Zwei weitere Nächste überstehen. Meine Hebamme beruhigt mich am Telefon immer wieder und sagt, dass es völlig ungefährlich ist, ein totes Baby weiter in sich zu tragen. Aber ich kann das Gefühl trotzdem nicht ertragen. Gleichzeitig kann ich mir noch gar nicht vorstellen, das Baby morgen nicht mehr in mir zu haben.

Ein Erste-Hilfe-Päckchen von Hope’s Angels

Den nächsten Vormittag verbringe ich damit etwas zu finden, was wir dem Baby anziehen können. Ich gehe in mehrere Spielzeugläden und frage nach ganz kleiner Puppenkleidung, aber alles, was sie haben, ist noch viel zu groß. Da bekomme ich die Nachricht von DHL: Morgen soll ein Paket geliefert werden von Hope´s Angels. Ein Erste-Hilfe-Päckchen, in dem auch etwas zum Anziehen ist. Mit der Hoffnung, dass es noch rechtzeitig ankommt, gehe ich nach Hause und nehme ein Bad. Meine Wut bricht aus mir heraus, ich schreie, weine und frage immer wieder: „Warum?!” Gleichzeitig es hat auch irgendwie etwas Befreiendes und Reinigendes: Als ob etwas herauskommt, was schon lange feststeckt. Als keine Tränen mehr da sind, spüre ich auf einmal eine tiefe Ruhe. Und ich kann mich mit meinem Baby verbinden und ganz klar hören wie sie sagt: „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt. Aber ich komme noch einmal wieder.“

Ich frage wütend, wieso ich dann überhaupt erst schwanger geworden bin. Wenn es nicht der richtige Zeitpunkt ist, dann hätte ich mir das ja alles sparen können und morgen nicht auch noch eine Geburt machen müssen. Aber dann wird mir sofort klar, wie viel schlimmer es für uns gewesen wäre, wenn ich lange Zeit hätte warten müssen. So sehr hatten wir uns jetzt ein zweites Kind gewünscht. Jeden Monat zu hoffen und enttäuscht zu sein, dass es nicht geklappt hat, wäre bestimmt sehr hart geworden. Ich weiß nicht wieso, aber ich kann das annehmen und fühle Frieden in mir. Fühle mich im Frieden mit ihr und ein kleines bisschen auch mit der Sache an sich. Auch wenn ich eigentlich das alles noch gar nicht glauben kann. Und, wenn ich mir gerade überhaupt nicht vorstellen kann, jemals wieder schwanger zu sein. Doch in dieser Nacht kann ich endlich wieder schlafen kann.

Auf meiner Website findet ihr meine Kontaktdaten. Falls ihr vielleicht auch ganz akut betroffen seid und mehr Fragen habt oder Bilder sehen möchtet, könnt ihr mich gerne auch direkt per Whatsapp anschreiben. Und über Nachrichten und Austausch freue ich mich auch sehr.

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Der 2. Teil den Berichts von Lena folgt morgen für Euch.

Liebe Lena, wir danken Dir für Deinen offenen, ehrlichen und authentischen Bericht und Deine unermüdlichen Bemühungen das Thema aus der Tabu-Zone heraus zu bekommen.

Copyright-Hinweis zur Fotografin:

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