Ich wäre gerne faul. Leider gelingt mir das nicht so gut. Immer, wenn ich mir vornehme, heute absolut gar nichts zu tun, fallen mir die schmutzigen Teller vom Frühstück ein oder eine Aufgabe, die so halb erledigt in meinem Hinterkopf herumspukt. Ich kann nicht gut faul sein. Deshalb übe ich das jetzt, und irgendwie ist es echt anstrengend. Aber eigentlich ist es kein Wunder, dass mir das so schwerfällt. 

Josi hat es neulich in einem ihrer Instagram-Posts perfekt auf den Punkt gebracht: Ein „Gesellschaftsalltag, in dem Selbstfürsorge (mal ein hipperes Wort für Faulheit) schon fast ein No-Go und quasi der große Bruder vom selbstsüchtigen Schmarotzer ist, sehr sehr bedenklich“.

In den Sechzigern gab es den gruselig-schönen Begriff „Gammler“ dafür. Darunter versteht sich laut Google ein „Jugendlicher, der alle Formen des Etabliert-Seins ablehnt, daher keinen Wert auf ein den gesellschaftlichen Normen entsprechendes Äußeres legt und keiner geregelten Arbeit nachgeht.“ Weitere Synonymvorschläge sind: Freak, Hippie oder Aussteiger. Wer sagt, er ist faul, steht also im Gegensatz zur Leistungsgesellschaft, ja, er ist im Grunde schon fast draußen. Wenn ich daher von unserem alternativen Alltag in Asien erzähle, sind die Leute erst einmal immer irritiert, insbesondere, wenn ich erwähne, wie wenig wir im Verhältnis zu vielen anderen arbeiten.

Eltern dürfen faul sein

Was meistens vergessen wird, ist: Ein Großteil unserer Produktivität stammt aus dieser Zeit des Nichts-Tuns. Wir brauchen den Raum, um unsere Gedanken zu sortieren. Unsere Köper brauchen Momente, um die Stresshormone runterzufahren. Texte wie dieser entstehen, während mein Geist und mein Körper scheinbar mit Nichtstun beschäftigt sind. Wenn ich mit meiner Frau gemeinsam in die Ferne starre, gibt es die besten Gespräche, die tollsten Pläne und hinterher den meisten Spaß mit unserer Tochter.

Ich kann nur ein guter Vater sein, wenn ich darauf achte, mir Zeit für mich als Person zu nehmen. Die Bloggerin Elise Graham Kennedy hat es gut auf den Punkt gebracht: „Du bist nicht faul. Du lebst in einer hyperkapitalistischen Gesellschaft, in der sich dein Wert als Person an deiner Produktivität bemisst, und es gibt grundsätzlich immer etwas zu tun. Du nimmst dir nur eine Minute, um ein Mensch zu sein.“

Faul und stolz drauf

Faulheit ist etwas, auf das wir stolz sein können. Wir sollten sie in einem Atemzug mit Selbstfürsorge nennen und hoffen, dass wir sie unseren Kindern richtig vorleben und vermitteln. Häufig denken Eltern, sie würden nicht mehr ernstgenommen, wenn sie nicht die ganze Zeit beschäftigt sind. Haushalt, Kinder, Arbeit, Beziehung: Eltern machen vier Jobs parallel – da ist es Wahnsinn, auch noch in den dringend nötigen Ruhepausen Geschäftigkeit „vorzutäuschen“. Eltern dürfen sich Pausen gönnen. Sie dürfen träumen und ja, sie dürfen auch faul sein. Wir nehmen uns eigentlich nur hin und wieder eine Minute, um glückliche Menschen zu sein, entspannte Partner und, nicht zuletzt, gute Eltern.

Olaf Bernstein

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Beitragsfoto: von Olaf Bernstein

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