Geburt, unwägbar, nicht planbar, wunderschön, manchmal traumatisch

Liebe Mamas, liebe Papas,

meine neue Serie „Belastende Geburtssituationen“ beschäftigt sich mit schwierigen Situationen während der Geburt. Was wird als belastend empfunden? Wann ist die die Belastung eine Situation mit der umgegangen werden kann und man einen Weg findet, sie als natürlich zu integrieren? Wann wird sie zur Bedrohung? Wann wird sie zu einem Trauma, was nachhaltig die Beziehung zwischen Mutter, Baby und Vater belastet?

Umgang mit traumatisierenden Situationen

Das sind viele Fragen, die nach dem Stand der heutigen Traumaforschung sehr eng beieinander liegen und davon abhängen, was ein Mensch in seinem bisherigen Leben erlebt hat und wie er gelernt hat mit Situationen umzugehen. Hier spielen Urvertrauen, Erleben, alte Traumata, das eigene Angenommensein, Rückhalt in der eigenen sozialen Situation und Erfahrungen eine ganz große Rolle.

Bereicherung oder Belastung

Wenn Frau und Mann Eltern werden, empfinden das die Einen als Bereicherung, die anderen als Belastung. Hier ist sicher eine wichtige Grunddisposition zu finden, wenn es unter der Geburt zu Situationen kommt, die als zu erwartende Unwägbarkeit, als Belastung, als Trauma oder auch als Reaktivierung eines alten Traumas empfunden werden können. Als ich vor 28 Jahren zum ersten Mal Mutter wurde, habe ich eine wichtige Botschaft für mich lernen dürfen. Mein Unterbewusstsein funktioniert anders, als meine bewusste Wahrnehmung und im Laufe der Schwangerschaft habe ich Ängste entwickelt, die mir ganz ungewohnt waren, aber mit einer Heftigkeit auftraten, dass ich plötzlich enorm viel als Belastung empfunden habe, was bis dato ganz einfach für mich gewesen war. Das war ganz schön schwer! Auch für meinen Mann. 

Plötzliche Ängste

Was war passiert: Ich bin Kinderkrankenschwester mit besonderer Berufserfahrung auf dem Gebiet der Frühgeborenenintensivbetreuung. Ich war in meinem Beruf besonders mit den Situationen beschäftigt, die schwerwiegende Schwierigkeiten für Mutter und Kind bedeuteten. Ich bin mit dem Team im Hubschrauber zu vielen Geburten geflogen, die eine Intensivbetreung des Neugeborenen verlangten. Wir waren auf diesem Gebiet sehr gut ausgebildet und erfahren. Atemnot, sehr kleine Frühgeborene, Notfallsituationen und Lebensbedrohenden Situationen waren unser Alltag. Ich war Profi und stolz auf mein Wissen und meine Kompetenz. Nun wurde ich selber Mutter! Das Glück war für meinen Mann und mich unbeschreiblich groß als wir den positiven Test in den Händen hielten.

Stefanie zu Sayn Wittgenstein Berleburg

Beschützerinstinkt

Dann kam der erste Ultraschall und wir sahen das kleine Herzchen unserer Tochter schlagen. In diesem Moment geschah etwas in mir. Plötzlich setzte bei mir eine heillose Angst ein. Mein Mutterinstinkt rief offensichtlich einen enormen Beschützerinstinkt wach und ich konnte mir im Verlauf der Schwangerschaft nicht mehr vorstellen, dass unser Kind ein ganz normales, gesundes Baby sein konnte. Und schon gleich gar nicht die Belastungen einer Geburt überleben würde. Ich wünschte mir mindestens einen Hubschrauber, mehrere Kinderärzte und mein ganzes Team herbei. Meine Angst wurde übermächtig, aber ich konnte meine Ängste zu diesem Zeitpunkt nicht einordnen. Ich wurde zunehmend angespannter. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, war kraftlos und weinte schnell.  Zum Glück hatte ich einen Partner an der Seite, der mich in all meinen Sorgen sehr ernst nahm. 

Angst erkennen

Er half mir Hilfe zu finden und zu erkennen, dass das was mit mir passierte als Angst zu definieren war. Er ging mit mir den ganzen Weg, wie irrational mein Verhalten damals auch oft war. Er brachte mich dazu, mich meiner Frauenärztin anzuvertrauen. Wir suchten gemeinsam nach einer Geburtsklink und einem Arzt, der uns bei der Geburt betreuen würde. Mit diesem Arzt bin ich damals wirklich jeden einzelnen Schritt durchgegangen, der zu einer Notfallerstversorgung dazugehörte. Er zeigte mir sein Können und das Equipment, was in seiner Klink zur Verfügung stand, um ein Neugeborenes lebensrettend zu versorgen. In meinem Bewusstsein entstand Erleichterung, aber mein Unterbewusstsein war nach wie vor in Aufruhr. Ich bekam vorzeitige Wehen und musste lange Zeit liegen. Als die Geburt sich ankündigte wurden wir sehr liebevoll in der Geburtsklinik empfangen. Das Team war über meine massiven Ängste gut informiert.  Ich wünschte mir eine natürliche Geburt. Die Absprache mit meinem Mann und den Geburtshelfern war so, dass ich meinen Weg gehen konnte, aber im Falle, dass es unserem Kind unter der Geburt schlecht gehen sollte, dass wir unserem Arzt vertrauten und wir unser Kind gesund auf die Welt bringen würden.

Wehenschmerz hat mich überrollt

Ich hatte ganz große Angst. Mein Körper verspannte sich total. Und ich war auf die Schmerzen, die mich mit jeder Wehe überrollten trotz allem Wissen nicht vorbereitet. Zum Glück hatte ich meinen Mann an meiner Seite, auf den ich mich total verlassen konnte. Er erinnerte mich an das Atmen, er hielt meine Hand, er stand an meinem Kopf und hielt mich fest, wenn ich glaubte, dass ich das nicht schaffen würde. Am Ende dauerte die Geburt ewig. 3 Hebammen betreuten mich, da in der Zwischenzeit drei Schichten gewechselt hatten. Eine PDA war unumgänglich, da mein Körper einfach nicht loslassen wollte. Ich war erschöpft und hatte keine Kraft mehr. Die Herztöne unseres Kindes wurden langsamer und es war deutlich, dass unser Kind großen Stress durch die Geburt erfuhr. Als wir die Papiere für den Kaiserschnitt schon unterschrieben hatten, bot mein Arzt mir an, eine letzte Möglichkeit zur vaginalen Geburt zu versuchen. Er würde sich mit seinem Gewicht auf meinen Oberbauch legen und mit seinem Druck, die nächste Presswehe unterstützen. Mir war klar, dass dieser Kristeller-Griff für mich absolut unangenehm sein würde, aber ich war überzeugt, dass eine vaginale Geburt für mein Kind und mich besser waren als ein Kaiserschnitt. Hier setzte all mein Wissen sich nun als sehr hilfreich durch und gab mir die Kraft, diesen letzten Schritt zu akzeptieren.

Kristeller-Griff

Mir blieb der Atem weg und ich schrie ganz, ganz furchtbar, aber durch diese Unterstützung konnte unser Kind auf die Welt kommen und die Geburt endete ohne Kaiserschnitt. Unser Kind war endlich geboren. Es war eine schwere Geburt und eine mehr als belastende Situation. In den Tagen nach der Geburt kümmerte sich unser Arzt und die Hebammen sehr liebevoll um uns. Sie kamen immer wieder in unserem Zimmer vorbei und gaben uns die Möglichkeit über die Geburtserfahrung zu sprechen. Alle halfen uns, das Erlebte zu integrieren und uns auf unser gesundes Baby zu konzentrieren. 

Unser Kind, mein Mann und ich brauchten eine ganze lange Zeit der Erholung. Ich bin sicher, wenn ich all diese Hilfe nicht gehabt hätte, dann wäre in mir ein Trauma entstanden. Aber ich konnte lernen mit meinen Ängsten umzugehen und dass es hilfreich ist, sich früh Hilfe zu holen, um mit Situationen die uns im Leben begegnen leichter umzugehen und wir an diesen Situationen wachsen können.

Liebe Grüße

Eure Stefanie

Beitragsfoto: Von Gorodenkoffshutterstock.com

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