grid | list

Juni 26, 2020 9:00 am

Wir müssen miteinander reden

Kolumne: Mrs. FamilyPunk schreibt

Wir müssen miteinander reden (können).

Mirna Funk “im Gespräch”

Wer es nicht mitbekommen hat: Deutschlandfunk Kultur veröffentlicht am 18. Juni auf Instagram einen Post mit einem Zitat von Sarah Diehl, Autorin des Buches “Die Uhr, die nicht tickt: Kinderlos glücklich. Eine Streitschrift” aus dem Jahr 2014 (!). Das Zitat lautet: “Die Gesellschaft will, dass ich in die Kleinfamilie gehe, den Mann, die Kinder, die Alten versorge. Weil unsere Gesellschaft ökonomisch so aufgestellt ist, dass sie auf diese unsichtbare, unbezahlte, aber auch selbstverständlich eingeforderte Arbeit der Frau in der Kleinfamilie baut.” 

Mut zur Mündigkeit? 

Daraufhin schreibt Mirna Funk, Schriftstellerin und Journalistin, die unter anderem für die Vogue und Edition F schreibt: “Wünsche Sarah ein bisschen Mut zur Mündigkeit.” Habe ich erst mal nicht verstanden, denn Sarah Diehl hat für ihr Buch Frauen interviewt, die freiwillig kinderlos sind und sich allesamt, wie Diehl selbst auch, ziemlich mündig gegen die von ihr diagnostizierte Erwartungshaltung der Gesellschaft “stemmen”. Funk klärt im Verlauf der Kommentare: “sie agiert entmündigt, indem sie behauptet, die gesellschaft wolle, dass sie sich in einer kleinfamilie zu tode ackert. aber keiner zwingt sie, auch keine “gesellschaft”, ihrem partner die scheiss socken zu waschen. sie muss kein kind bekommen. sie kann ein kind ohne partner aufziehen. sie kann sich die kugel geben.” Der komplette “Dialog” ist übrigens nachzulesen bei @janaheinicke in ihrer Instagram-Story. 

Check reality!

Ich teile das hier nicht, weil ich damit übereinstimme, sondern weil es für mich die Wirkmacht von Gesellschaft ignoriert. “Gesellschaft” zwingt natürlich nicht, aber Gesellschaft beeinflusst unser Denken, unser Weltbild. Wer von Euch wurde noch nie gefragt, ob ihr Kinder haben wollt, egal ob von den eigenen Eltern, Schwiegereltern, Freund*innen, Kolleg*innen, Chef*innen, der Frauenärztin*? Oder warum ihr nicht noch ein Kind haben wollt oder warum es denn unbedingt drei oder vier sein mussten und das auch noch so schnell hintereinander? Ich habe all diese Fragen gehört, mehrfach. Manchmal war es nicht schlimm, manchmal hat es mich kolossal genervt. Und nein, ich bin dann nicht verbal ausgetickt und habe auch niemandem die Kugel gegeben. Habe manchmal geantwortet, manchmal nur mit den Augen gerollt, manchmal die Frage einfach ignoriert. Auch, weil sie mich manchmal verletzt hat und ich das nicht immer nach außen dringen lassen wollte. 

Natürlich zwingen solche Fragen mich nicht im technischen Sinne, irgendetwas zu tun. Aber sie prägen mich, die Menschen um mich herum, die Gesellschaft. Sie nähren Vorurteile, Stereotype und verzerren unsere Wahrnehmung (Stichwort “unconscious bias”). Diese Fragen werden zu einem strukturellen Thema und sind daher nicht nur individuell zu verhandeln. Frauen werden häufig gefragt, wie sie das denn machten mit Kinder und Karriere und so. Ich kenne keinen Mann, der diese Fragen auch nur ansatzweise gestellt bekommt. Es ist ein Unterschied, ob ich mich ständig zu meinen privaten Entscheidungen äußern soll, weil ich gefragt werden, oder nicht. 

Sollen wir aufhören, zu reden?

Sollen wir jetzt also aufhören, miteinander zu reden und uns keine Fragen mehr stellen? Nö. Ich finde es auch eine seltsame Vorstellung, dass man nur über seine eigene Erfahrungswelt sprechen kann. Noch mal Mirna Funk dazu: “solange du keine mutter bist, verbitte ich mir, dass du mich übers muttersein mit so angelesenem kram aufklärst.” Heißt das jetzt also, dass ich alles erlebt haben müsste, bevor ich mich dazu äußern kann? Dann hätte Mirna Funk schon sehr früh die Diskussion abbrechen müssen: denn sie weiß als alleinerziehende Autorin auch nicht, wie es sich in einer Beziehung oder Ehe mit Kindern anfühlt, wie es ist, ein behindertes Kind großzuziehen, wie es ist, mehr als ein Kind zu haben, wie es sich als Festangestellte und Mutter anfühlt. 

Check your language

Jenseits der Diskussion, ob man Kinder großziehen als “unbezahlte Reproduktionsarbeit” bezeichnen darf, die einen Großteil des Diskurses auf Instagram ausgemacht hat, brauchen wir meiner Meinung nach einen echten, wertschätzenden und unbeschönigten Dialog darüber, wie es uns geht als Eltern, als Mütter, als Väter, heute, in dieser Gesellschaft, in diesen Strukturen. Jede*r von uns hat seinen und ihren eigenen Kontext und Perspektive – aber das heißt ja nicht, dass Eltern, die alleinerziehend, in Beziehung, Patchwork, angestellt, freiberuflich, unternehmerisch tätig sind, nicht miteinander ins Gespräch kommen können, solange ein paar Grundregeln der Gesprächskultur eingehalten werden. 

Let’s talk

Lasst uns einen Dialog darüber führen, was für eine Gesellschaft wir uns als Eltern und für unsere Kinder wünschen und was Hebel wären, an denen wir ansetzen könnten. Lasst mal Väter genauso wie Mütter fragen. Lasst mal Fragen so formulieren, dass sie nicht gleich schon die Bewertung der Antwort beinhalten. Wer Lust hat, mit uns ein derartiges Eltern-Barcamp zu organisieren, melde sich gerne (kontakt@familypunk.com). 

Über FamilyPunk

Wir von FamilyPunk verstehen uns als Parent Empowerment Company: wir wollen das Bild, das Eltern von sich selbst haben und dass die Gesellschaft von ihnen hat, positiv beeinflussen. Wir sprechen mit Eltern, wir hören ihnen zu und diese Gespräche sind die Basis für die Entwicklung unserer digitalen Produkte und Angebote.

Mehr von FamilyPunk? Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter unter www.familypunk.com/weekly.

Autorin: Dr. Jutta Merschen, Co-Founder & CEO FamilyPunk

Familypunk.com , Facebook , Instagram

Beitragsfoto: Von Rawpixel.com

**********

Diesen und weitere interessante Artikel findest du in der Barrio App. Hast Du schon? Super! Hast du noch nicht? In der App findest du aufgrund der aktuellen Lage noch mehr digitale Angebote, virtuelle Playdates zum Austauschen, Online-Kursempfehlungen für die ganze Familie sowie Angebote, Gutscheine und andere Vergünstigungen. Jetzt App installieren: bit.ly/barrio-app

Kategorisiert in:

Stichwörter: , , ,